Gefangen im Kopf
Borderline, Erfahrungen und Erlebnisse

Gefangen im Kopf

Es klingelt der Wecker und der erste Gedanke ist „Ich will nicht.“. Ich denke, dieses Gefühl, dieses Aufwachen kennt jeder. Es gibt sie, diese Tage, die schon mit dem Aufwachen nicht gut laufen. Man quält sich durch den Tag, wünscht sich auf der Arbeit doch lieber auf einer Insel ganz weit weg zu sein und der Kollege nervt einen eigentlich nur.

Bis hier hin ist das etwas, was jedem von uns passieren kann, was jeden Tag überall auf dieser Welt passiert.

Doch was ist, wenn der zweite Gedanke ist „Ist vielleicht doch besser, ich bringe mich um.“? Und wenn dieser Gedanke den ganzen Tag bleibt und man das Gefühl hat, für alle nur eine Belastung zu sein?

An 3 von 10 Tagen wache ich so auf. Ich habe mich daran gewöhnt. Und an solchen Tagen bin ich gefangen im Kopf, in meinem eigenen. Drüber sprechen, dass der Gedanke an Selbstmord immer und überall präsent scheint ist schwer. Denn ich zumindest, weiß, dass das keine Lösung ist. Ich weiß, dass ich keinen Selbstmord begehen werde.

Also warum sollte ich über einen Gedanken, der zu mir gehört wie meine Augenfarbe, noch großartig reden wollen? Ich habe über die Jahre gelernt, es auszusitzen, diesen Gedanken in meinem Kopf fliegen zu lassen und ihm nicht die Aufmerksamkeit zu schenken, die er gerne hätte.

Gefangen im Kopf bin ich an solchen Tagen. Die Gedanken drehen sich vorrangig darum, dass ich doch eigentlich nicht gebraucht werde. Begründungen finde ich dafür genug, Beispiele gibt es zuhauf. Und der kleine Gedanke, dass ich auf dieser Welt doch nur eine Platzverschwendung bin, schwirrt im Kreis herum, streckt mir die Zunge raus und möchte mich auf die nächste Brücke oder das nächste Hochhaus locken.

Macht über mich

Und leider hat er ziemlich Macht. Macht genug, mir Stunde um Stunde den Tag zu vermiesen, aber nicht genug, um mich zum Schweigen zu bringen.

Diese permanente Anwesenheit von Selbstmordgedanken ist für viele Borderliner Normalität. Und nur wenige trauen sich darüber zu reden, denn leider ist es immer noch so, dass man nur bei dem Wort „Selbstmord“ schneller in eine Psychiatrie eingewiesen wird als man zusehen kann. Gerade wenn man mit Therapeuten oder Ärzten darüber reden will.

Selbst wenn man es irgendwie schafft, diesen Menschen begreiflich zu machen, dass diese Gedanken fast schon zum Alltag gehören und man schon gar nicht mehr auf sie hört, sind die Profis schneller in Alarmbereitschaft als man möchte.

Mit wem also darüber reden? Mit sich selber? Mit anderen Betroffenen? In Selbsthilfegruppen sind solche Themen tabu – egal ob offline oder online. Und so bleibt der Gedanke, der eigentlich nur ein Schatten der Unzulänglichkeit und des schlechten Selbstwertgefühls der Bordis ist, im Kopf gefangen, dreht dort munter seine Runden und streckt einem die Zunge raus.

Morgen ist er vielleicht nicht da, schläft und lässt einen in Ruhe.

Doch er kommt wieder.

Gefangen im Kopf.

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Sternenruferin

Marie-Louise, Arbeitet mit psychischer Erkrankung in einer Werkstatt für behinderte Menschen, Mediengstalter, Peer Berater, Borderline und Spaß am Leben. Musik, Bücher und Schreiben vervollständigen den Haushalt mit Mann, zwei Katzen und zwei Schlangen.

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