Borderline, Erfahrungen und Erlebnisse

Auf dem Drahtseil: Was fühle ich?

Eine immer wiederkehrendes Problem bei meiner Erkrankung ist die Gefühlslage oder die Gefühlswelt im Gesamten.

Jahrelang bestand meine Gefühlswelt aus drei Gefühlen: Wut, Depression, Manisch. Das war es. Ich schwankte zwischen diesen Drei Zuständen. Und das meist im Sekundentakt. Dass das problematisch ist, kann sich jeder denken.

Wut kostet Kraft, manische Episoden ebenso, das führt unweigerlich zu einer depressiven Phase. Ich hatte das große Glück, dass ich irgendwann anfing Theater und Musical zu spielen. Und einer unserer Schauspieltrainer hatte eine große Tupperschüssel voll mit Zetteln. Auf den Zetteln standen die „Top 100 der menschlichen Gefühle und Aggregatszustände“.

Ich habe diese Übung gehasst und geliebt gleichzeitig. Denn neben so Dingen wie fröhlich, traurig, angespannt oder überdreht gab es auch Zettel wie grün, himmlisch, rechts und viele mehr die absolut keinen Sinn machten. Dachte ich. Doch ich konnte so auf einem sicheren Terrain die Gefühle erlernen. Ich lernte durch das Schauspielern, dass es mehr gab, als die Gefühle, die ich kannte. Ich sollte sie authentisch wiedergeben, also musste ich sie verstehen.

Überforderung

Und je mehr ich verstand, umso mehr begann auch ich an zu fühlen. Das überforderte mich. Ein erneuter Klinikaufenthalt, der nicht wirklich etwas brachte, außer mich zu stabilisieren.

Das Thema Gefühle ist auch bei der Borderline Therapie (Duale Behaviour Therapie) ein großes Thema. Es begegnete mir also erneut, nachdem ich die Schauspielgruppe verlassen hatte. Diesmal von einem anderen Blickpunkt aus. Ich lernte nicht nur, wie die Gefühle nach außen gegeben werden, sondern wie sie sich in ihrem Inneren anfühlen und was sie bewirken können. Und ich lernte, mich von Gefühlen nicht überrumpeln und steuern zu lassen.

So weit so wunderbar, doch so einfach ist das nicht. Auch wenn ich jetzt den bunten Strauß an Gefühlen in meinem Inneren benennen kann, so nimmt mir diese Fähigkeit noch lange nicht ab, zu entscheiden, wie ich mich gerade fühle.

Denn oft genug schwanke ich, und wenn ich schwanke, tendiere ich immer zu einem dritten Gefühl: der Wut. Das lässt sich nicht abschalten. Es ist ein Prozess, der niemals in meinem Leben enden wird.

Und so gibt es immer wieder die Tage, manchmal auch nur Momente, in denen sitze ich fast apathisch irgendwo rum und überlege: was fühle ich eigentlich? Oft genug ist es nichts. Das macht mich wütend, denn eigentlich müsste ich ja etwas fühlen, das tut schließlich jeder Mensch. Oder nicht?

Ein Beispiel ist der Moment, an dem ich diesen Artikel schreibe. Mein Vater baut immer weiter ab, meine Mutter lässt sich zu der vorsichtigen Aussage hinreißen, dass es vielleicht noch zwei Monate dauern wird, bis er stirbt.

Was fühle ich?

Und nun die Frage vom Anfang: Was fühle ich?

Das ist eine gute Frage, denn ich weiß es nicht. Ich frage mich innerlich, wie andere Menschen auf so eine Aussicht reagieren, rea-fühlen. Was ist gesellschaftlich angemessen, in so einem Moment zu fühlen?

Also setze ich mich hin und erkunde den bunten Strauß an Emotionen, die im Gesamten eine Art Apathie zurück lassen, die sich drückend auf mich legen. Dieses „erfühlen“ kostet Kraft.

Doch es ist wichtig für mich. Ich kann nicht, wie ein psychisch gesunder Mensch, einfach sagen, mir geht es nicht gut. Für mich ist es wichtig, zu wissen, warum es mir nicht gut geht. Und die Gefühlswelt ist ein wichtiger Aspekt.

Also fühle ich in mich hinein, höre auf die einzelnen Spitzen der Gedanken, der Emotionen. Und neben der Wut – die tatsächlich und vollkommen berechtigt vorhanden ist – finde ich Trauer, Erleichterung, Mutlosigkeit, Angst, Glück.

Ein schwarz-weiß-Fühlen wie früher ist nicht mehr möglich. Und jedes einzelne Gefühl hat seine Richtigkeit. Das zu erkennen und zu benennen erleichtert mein Leben. Aber wie schon gesagt: es kostet Kraft.

Jeden Tag auf ein neues.

Und dann ist immer noch die Frage da: warum ein bestimmtes Gefühl dabei ist, obwohl es doch eigentlich nicht da sein sollte? In der aktuellen Situation sind es sogar zwei: warum fühle ich Erleichterung auf die Aussage, dass mein Vater vermutlich nur noch zwei Monate zu leben hat? Früher habe ich mich nicht getraut, solche Gedankengänge zu verfolgen, es machte mir einfach Angst, Angst etwas zu finden, was ich nicht finden wollte. Doch eigentlich ist es ganz einfach: Ich bin erleichtert, weil er dann die Schmerzen nicht mehr fühlen muss und nicht leiden muss. Bin ich deswegen ein schlechter Mensch? Nein. Und das zu lernen und zu wissen ist wichtig.

Eines habe ich über meine Gefühlswelt gelernt: Jedes Gefühl hat seine Richtigkeit und seine Wichtigkeit. Nichts an meiner Gefühlswelt ist falsch, so wie ich früher dachte.

Ich fühle. Und alleine das zählt.


Photo by Viktor Talashuk on Unsplash
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Sternenruferin

Marie-Louise, Arbeitet mit psychischer Erkrankung in einer Werkstatt für behinderte Menschen, Mediengstalter, Peer Berater, Borderline und Spaß am Leben. Musik, Bücher und Schreiben vervollständigen den Haushalt mit Mann, zwei Katzen und zwei Schlangen.

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