Aus dem Tritt geraten - Panikattacken
Borderline, Erfahrungen und Erlebnisse

Aus dem Tritt geraten – Panikattacken

Das Herz rast, der Körper zittert, die Händen sind verschwitzt und die Gedanken kreisen um einen einzelnen Fixpunkt – Panikattacken, die Welt ist aus dem Tritt geraten.

Im MSD-Manual werden Panikattacken wie folgt beschrieben:

„Eine Panikattacke ist eine kurze Phase extremen Leids, extremer Angst oder Furcht, welche plötzlich einsetzt und von körperlichen und/oder emotionalen Symptomen begleitet wird. Panikstörungen sind wiederkehrende Panikattacken, die zu einer übermäßigen Angst vor zukünftigen Attacken und/oder zu Verhaltensänderungen führen, mit denen Situationen vermieden werden sollen, die einen Anfall auslösen könnten.“

So kurz so schön – oder eher unschön. Doch der Reihe nach.

Was löst Panikattacken aus?

Und schon an dieser Stelle kann ich keine eindeutige Aussage machen, weil es keine gibt. Panikattacken können durch alles mögliche ausgelöst werden, eine Person, ein Geruch, ein Geräusch – alles ist möglich. Und da ich hier von mir selber erzähle, erzähle wie ich es erlebe, gibt es auch hier ein Beispiel von mir, was es bei mir auslösen kann.

Irgendwann, es ist schon einige Jahre her, ging ich Treppen zu einer U-Bahn-Station hier in Köln runter und war eigentlich verdammt gut drauf und hatte gute Laune.

Auf dem Bahnsteig standen Menschen, auch das ist weder ungewöhnlich noch für mich besorgniserregend. Aber dann sah ich einen Mann, er saß im Rollstuhl und hatte beide Beine oberhalb der Kniegelenke amputiert. Er lächelte.

Und ich bekam eine absolute Panikattacke, ich konnte mich nicht mehr bewegen, war wie zur Salzsäule erstarrt und merkte, wie die Welt um mich herum sich drehte. Ich konnte den Blick nicht abwenden, hatte schweißnasse Hände und merkte, wie mein Herzschlag sich beschleunigte. Ich hatte Angst, wahnsinnige Angst.

Warum ich in diesem Moment so viel Panik bekam, konnte ich erst Monate später heraus finden. Aber in diesem kurzen Augenblick hatte ich das Gefühl, dass die Welt gerade zerbricht.

Ein anderes Beispiel sind Menschenmengen die eng beieinander stehen. Auch da kann ich panisch werden. Konzerte oder ähnliches, da gibt es noch immer die Möglichkeit an den Rand zu gehen, aber eine vollbesetzte Bahn, in der gedrückt und geschoben wird – da wird mir anders.

Ich merke, dass mein Herz rast, dass ich Probleme habe zu atmen und dass mich eine Angst überkommt, die mich zum Aussetzen bringt.

Früher hatte ich diese Angst auch, wenn ich Termine beim Amt hatte. Ich bekam Durchfall, fühlte mich an dem Tag mehr als Schlecht und hatte mit körperlichen Symptomen zu kämpfen. Nach den Terminen waren die Symptome meist wie weggeblasen.

Welche Symptome kommen bei einer Panikattacke vor?

Die Liste der möglichen Symptome ist endlos, aber ein paar, auch wenn ich sie zum Teil nicht selber kenne, möchte ich hier dennoch auflisten:

  • Schmerzen oder Beschwerden in der Brust
  • Ein Gefühl des Erstickens
  • Schwindel, Schwanken oder Ohnmacht
  • Angst zu sterben
  • Angst, verrückt zu werden oder die Kontrolle zu verlieren
  • Derealisations- oder Depersonalisationsgefühle, Gefühl der Entfremdung von der Umgebung
  • Hitzewallungen oder Schüttelfrost
  • Übelkeit, Bauchschmerzen oder Durchfall
  • Taubheitsgefühle oder Kribbeln
  • Herzklopfen oder erhöhte Herzfrequenz
  • Atemnot oder das Gefühl, erstickt zu werden
  • Schwitzen, Zittern oder Schütteln

Was kann ich während einer Panikattacke machen?

Oftmals muss man die Situationen aushalten. Sei es der Moment auf dem Bahnsteig oder die volle Bahn – man kann die äußeren Umstände nicht ändern. Aber man kann sich selber in diesen Momenten durchaus helfen.

Das beliebte Wort „Skills“ greift auch hier: Techniken, die in diesem Moment dafür sorgen, dass es mir gut geht. Und es gibt Mantras, kleine Sätze, die ich mir vorsage. In der vollen Bahn achte ich zum Beispiel auf meine Atmung, versuche mich in einen sicheren Raum in meinem Kopf zurück zu ziehen.

Der zwanghafte Versuch, die Panikattacke abzuschütteln bewirkt meist das Gegenteil und sorgt oft genug dafür, dass es noch schlimmer wird. Oftmals ist es auch einfach die Angst vor der Angst, die es dann schlimmer macht. Bekommt gerade jemand mit, dass ich eine Panikattacke habe? Mache ich mich hier gerade lächerlich? Schauen die Leute mich komisch an?

All diese Gedanken können in dem Moment auf einen einströmen und es nur noch schlimmer machen. Doch ehrlich gesagt sollte die Reaktion der Anderen das letzte Problem auf der aktuellen Liste sein.

Manchmal trifft man auf Menschen, die einem helfen wollen, aber gar nicht so recht wissen, was sie eigentlich machen sollen. Fremde, die einen fragen, ob alles in Ordnung ist, Freunde, die die Situation entlasten möchten.

Was kann ich machen, wenn jemand eine Panikattacke hat?

Abwarten, die Person ansprechen, versuchen den Fokus der Person auf sich selber zu lenken und einfach freundlich sein. Es hilft, wenn der Strudel an Emotionen unterbrochen wird und man einen neuen Fixpunkt für seine Gedanken findet.

Doch bitte nicht einfach ungefragt anfassen. Im besten Fall hilft es, im schlimmsten Fall macht es eine beschissene Situation noch schlimmer. Reden ist ein guter Anfang, am Besten über irgendwelche Nichtigkeiten, bloß nicht eindringen und versuchen über die Situation zu reden oder versuchen herauszufinden, was passiert ist.

Irgendwann ist die Attacke vorbei, dann kommt die Erschöpfung. Trinken, Essen, ausruhen ist jetzt angesagt. Ist die Kraft wieder da, kann man fragen, was los war, was man beim nächsten Mal vielleicht machen kann, um zu unterstützen. Tödlich sind hier Vorwürfe oder Sätze, die es ins Lächerliche ziehen, denn das schärft die Angst vor der nächsten Attacke. Wenn mein Gegenüber die Panikattacke als etwas „Normales“ ansieht, dann ist es mir auch nicht peinlich, eine zu bekommen.

Denn leider kommen sie immer wieder, unverhofft, ohne Anmeldung. Wenn sie winkend und lachend käme, mit Konfetti und Glitzer… dann wären sie vielleicht auch nicht so schlimm, wie sie es sind.

Es ist ein wenig wie bei Dissoziationen: jeder findet seinen eigenen Umgang damit, Frühmarker können die Situation retten, externe Ansprache kann den Kreis durchbrechen.


Photo by Ehimetalor Akhere Unuabona on Unsplash

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Sternenruferin

Marie-Louise, Arbeitet mit psychischer Erkrankung in einer Werkstatt für behinderte Menschen, Mediengstalter, Peer Berater, Borderline und Spaß am Leben. Musik, Bücher und Schreiben vervollständigen den Haushalt mit Mann, zwei Katzen und zwei Schlangen.

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1 Kommentar

  1. […] Erkrankung auseinandersetzt, seine eigenen Probleme und Sorgen kennt und genau weiß, wie sich eine Panikattacke oder eine Dissoziation ankündigt, sind […]

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