Erfahrungen und Erlebnisse

Braunes gehört in die Tonne

Dieser Beitrag spiegelt meine ganz persönliche Meinung wieder. Gerne könnt ihr unter diesem Beitrag kommentieren, aber bitte bleibt dabei freundlich.

Und nun zum eigentlichen Thema.

Bei meinen Eltern steht eine braune Mülltonne, in die kommt alles das hinein, was man früher auf den Kompost geworfen hat. Kaffeesatz, Reste vom Gemüse (vorausgesetzt die Hühner bekommen es nicht) und Speisereste.

Doch um diese braune Tonne geht es nicht.

Eine Assoziation die viele mit der Farbe braun haben, kommt hier zum Tragen: rechtes Gedankengut.

Nähkästchen – Meine Großeltern

Und jetzt plauder ich aus meinem ganz persönlichem Nähkästchen: Als ich noch zur Schule ging, bekamen wir einmal in Geschichte die Hausaufgabe, unsere Verwandten nach ihren Erlebnissen während des NS-Regimes in Deutschland zu befragen. Ich fragte meine Großeltern, die beide zu dieser Zeit im jungen Erwachsenenalter waren. Ich erinnere mich nicht an alles, was sie mir erzählten, aber zwei Sachen sind mir im Kopf geblieben.

Zum Einen die Erzählung meiner Großmutter aus dem Krieg, wie sie sich einmal im Keller des Hauses verstecken mussten und ein Blindgänger in eben jenem Keller landete. Unter dem Kinderwagen in dem das Baby schlief. Ich weiß nicht mehr, wie diese Geschichte ausgegangen ist, aber meine Großmutter hat augenscheinlich überlebt.

Die zweite Sache, die mir im Kopf geblieben ist, ist die Aussage meines Großvaters: „Wir haben damals alle nur versucht zu überleben, es hieß, mitmachen oder sterben.“

Damals habe ich das nicht so realisiert, nicht so verstanden wie heute. Ich habe in den vergangenen Jahren selber meine Erfahrungen gemacht, mit Menschen, die rechte Gedanken pflegen, Nazis sind. Ich stand auf Demos in Köln in der ersten Reihe und brüllte „Scheiß Nazis“, „Alerta Antifascista“ und ähnliche Parolen. Ich brüllte den aufmarschierenden Nazis meine Wut und meinen Hass entgegen.

Wieso mache ich das?

Ein Mensch, der normalerweise panische Angst vor Menschenmengen hat, der im allgemeinen friedliebend und freundlich ist? Wegen einem Satz, den mein Vater einst sagte, als ich vierzehn war. „Ich könnte es verstehen, wenn meine Tochter irgendwann Molotow-Cocktails auf Asylantenheime wirft.“ Ich weiß nicht mehr, in welchem Zusammenhang dieser Satz fiel, aber es war das Jahr, in dem in Lübeck ein Asylantenwohnheim angegriffen wurde. 10 Tote, 55 Verletzte.

Wer mehr darüber wissen möchte: Wikipedia Artikel zu den Brandanschlägen

Und an diesem Tag habe ich, trotz meines jungen Alters, entschieden, dass ich niemals – NIEMALS – so etwas machen werde. Und ich bin bei dieser Einstellung geblieben.

Schon in meiner Jugend habe ich meinen Spaß daran gehabt, Nazis mit Freunden zu jagen, wie das in einem jugendlichen Leichtsinn nunmal gerne der Fall ist.Lange Jahre war es dann ruhig.

Ich interessierte mich nicht für Politik, noch weniger für meine Mitmenschen oder das Geschehen in der Welt.

Entscheide dich kein Arschloch zu sein

Doch irgendwann nahm ich es dann wieder wahr und seitdem ist mir auch wieder bewusst, wie ich ticke. Für mich ist jeder Mensch gleich, egal welcher Herkunft, welcher Religion, Colour oder Sexualität. Ich kann zwar mit den ganzen neuen Bezeichnungen für unterschiedliche Sexualität nichts anfangen, aber mir ist es reichlich egal, wer wie gepolt ist. Das ist Privatsache und geht niemanden außer dieser Person etwas an.

Was mich wesentlich mehr interessiert ist, ob der Mensch ein Arschloch ist oder nicht. Eigentlich ganz einfach, denn das ist eine Entscheidung, die jeder Mensch für sich treffen kann. Doch wie definiere ich dieses Arschloch?

Ganz einfach: lass jeden sein Leben so leben wie er will, akzeptiere die Menschen und gönne jedem Menschen sein Leben und seine Freiheit.

„Deutschland den…“

Und da fängt das Problem schon an: Einige Menschen sind der Meinung, dass in Deutschland nur „Deutsche“ leben dürfen. Und ein Pass macht für einige dieser Menschen noch keinen Deutschen. Mir ist der Pass eines Menschen egal.

Vom Pass einmal abgesehen, klassifizieren diese Menschen schnell ihr Umfeld. Und ich fühle mich an meinen Geschichtsunterricht in der Schule erinnert. Da wird entschieden, wer in Deutschland leben darf, wer „raus muss“, wer „vergast“ werden muss. Und wenn ich solche Aussagen lese oder höre, wird mir schlecht. Dann mache ich für gewöhnlich den Mund auf, und werde, ganz untypisch für mich, auch mal ausfallend.

Meine Familie

Mittlerweile weiß ich, was an meiner Familie immer anders war, warum ich das Gefühl hatte, irgendwas ist hier anders. Es ist ganz einfach: mein Großvater war schwul. Und ich weiß auch, dass es für ihn kein leichtes Los war. Geboren in den Zwanzigern des vergangenen Jahrhunderts durfte und konnte er seine Sexualität nicht ausleben.

Er wäre schneller im Konzentrationslager gewesen, als er seinen Namen hätte schreiben können. Auch nach dem Krieg wurde es nicht besser. Gerade auf dem kleinen Dorf, in dem er gelebt hatte. Er wurde von den anderen Männern in seinem Alter, aber auch von Jüngeren gejagt, verprügelt. Sie wussten es nicht, aber sie ahnten es, weil er nie eine Freundin hatte. Irgendwann wurde er verkuppelt, heiratete meine Großmutter und bekam eine Tochter.

Die Nachbarn sagten „Er kann nicht schwul sein, er hat doch Frau und Kind.“.

Fünfziger Jahre in Deutschland.

Paragraf 175 und rosa Listen

Der Paragraf 175 des Strafgesetzbuches stellte bis 1969 gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen unter Strafe. Zu Beginn der 50er Jahre gab es noch große Prozesse gegen Homosexuelle.

Doch bis weit in die Siebziger Jahre hinein wurden die sogenannten Rosa Listen geführt. Bekannte Homosexuelle, Verdachtsfälle und mehr wurden hier gesammelt. Es war immer noch ein Stigmata.

Genug der Exkursion.

Ich selber gehöre auch zu dem Kreis Menschen, der zur damaligen Zeit mit dem Stempel „unwürdiges Leben“ versehen worden wäre.

Zurück zur Tonne und dem braunen Inhalt

Da gibt es heute immer noch und immer wieder Menschen, die Adolf Hitler für einen echt tollen Politiker halten, die sich wünschen, dass die KZs („Die sind ja gut gepflegt und instand gehalten, die kann man schnell wieder aufmachen…“ – O-Ton eines Facebook Kommentars) wieder Heimstatt für unwürdiges Leben werden und die laut skandieren „Ausländer raus!“.

Die wenigsten von ihnen tragen wie in den 80ern und 90ern Springerstiefel und Glatze. Sie verstecken sich heute hinter Anzügen, hinter vermeintlicher Normalität. Und doch: sie organisieren sich in Jugendgruppen, in Verbänden, feiern Hitlers Geburtstag und gehen gegen Menschen auf die Straße, die sie nicht kennen.

Mit Rationalität kann man ihnen nicht kommen, mit der Erklärung, dass auch sie in anderen Ländern Ausländer sind, können sie nichts anfangen. Sie hinterfragen nicht, warum die Menschen nach Deutschland flüchten, sie sehen nur die „vielen Ausländer“.

Dabei ignorieren sie die Tatsache, dass sie wahrscheinlich gar nicht so arisch sind, wie sie behaupten.

Erfahrungen an der Drehscheibe

Ich habe vor einigen Jahren ehrenamtlich an einer Flüchtlingsdrehscheibe gearbeitet. Ich sah Menschen, die nach Stunden aus einem Zug stiegen, im kalten Kölner Winter, Schneegestöber mitten in der Nacht. Sie trugen oftmals Sommerkleidung, weil sie schon Monate auf der Flucht waren.

Ich erinnere mich an die Familie, dessen Tochter ich auf dem Schoß hatte und mit einfachen Kinderspielen unterhielt, damit die Eltern endlich, endlich in Ruhe etwas essen konnten. Die Dolmetscherin übersetzte mir den Satz der Mutter: „Sie hat heute das erste Mal seit Beginn unserer Flucht wieder gelacht.“.

Ich werde es nie vergessen, wie dieses kleine Mädchen, schutzbedürftig, ängstlich, auf meinem Schoß saß. Wie die Eltern mir mit einfachen Gesten zeigten, wie dankbar sie mir und den anderen Helfern seien. Und ich erinnere mich an die Geschichten, die die Dolmetscher übersetzen mussten.

Dass der Kinderwagen auf der Flucht kaputt ging, und der Vater das Kind hunderte Kilometer getragen hat. An den Mann, der mit seinen beiden Frauen – in ihrer Religion und Gesellschaft gänzlich normal – liebevoll umging, sie umsorgte und erst sie und die Kinder mit Essen versorgte, bevor er sich selber setzte, an kaputte Sommerschuhe, an das Fußballspiel in Eiseskälte… und an all die dankbaren Blicke für die heiße Suppe die in jener Nacht ausgegeben wurde, für die dicke Winterjacke, die wir jemanden gaben.

Und im Schatten dieser Erlebnisse frage ich mich: wie kann man Rechts sein? WIE kann man Nazi sein? Denn was unterscheidet diese Menschen von uns? Würden wir nicht auch versuchen, jene Menschen in Sicherheit zu bringen, die wir lieben? Wenn die Tochter Gefahr läuft, von radikalen Gruppen entführt und zu einer Sklavin gemacht zu werden, wenn der Sohn im Fadenkreuz von Militärs steht, weil er nicht freiwillig zur Waffe greift?

Ich verstehe es nicht

Ich verstehe diese Menschen nicht. Ich akzeptiere auch ihre Meinung nicht, denn jeder Mensch ist gleich. Erst wir schaffen Ungleichheit.

Und Nazis und braune Gedanken haben in einer aufgeklärten Gesellschaft keinen Platz.

Und jetzt klappen wir den Deckel der Tonne auf, legen den Nazi von nebenan hinein und bringen ihn auf den Kompost. Denn dort gehört Braunes hin.

Wie steht ihr dazu? Macht ihr den Mund auf? Akzeptiert ihr alle Menschen vorbehaltlos?


Photo by Leon Seibert on Unsplash
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Sternenruferin

Marie-Louise, Arbeitet mit psychischer Erkrankung in einer Werkstatt für behinderte Menschen, Mediengstalter, Peer Berater, Borderline und Spaß am Leben. Musik, Bücher und Schreiben vervollständigen den Haushalt mit Mann, zwei Katzen und zwei Schlangen.

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