Das unerwünschte Gefühl - Scham
Borderline, Erfahrungen und Erlebnisse

Das unerwünschte Gefühl – Scham

Es ist ein unerwünschtes Gefühl, die Scham, denn durch sie fühlen wir uns schlecht, denken oder wissen, wir haben etwas falsch gemacht. Und wer will das schon.

Wofür hast du dich das letzte Mal geschämt? Als du etwas falsch gemacht hast? Oder als du in ein Fettnäpfchen getreten bist? Erinnerst du dich? Und wie sehr wolltest du, dass es aufhört?

Und jetzt stell dir vor, dieses Gefühl würde niemals aufhören, es wäre immer präsent, es würde deine Tage bestimmen. Ziemlich mies oder?

Mir geht es oft so, früher sogar noch häufiger, für alles. Alles was ich tat, war mit Scham behaftet. Denn lange Zeit glaubte ich, nichts was ich tat, wäre richtig, alles war falsch, ich war falsch.

Meine Scham – immer wieder unerwünscht

Ich schämte mich dafür, missbraucht worden zu sein, ich schämte mich dafür nicht stark genug zu sein, aus einer toxischen Beziehung auszubrechen, ich schämte mich dafür, dass ich zu viel Geld ausgab, ich schämte mich dafür, dass ich nur eine Ausbildung gemacht hatte, ich schämte mich… diese Liste könnte ich ewig lange fortführen, es würde nichts an dem Gefühl ändern.

Scham war neben Wut eines der wenigen Gefühle, die ich kannte und die meinen Tag begleiteten.

Lange Zeit schämte ich mich auch für meine Krankheit. In meinem Beitrag über Selbstverletzendes Verhalten hatte ich das Thema kurz angeschnitten. Borderline hieß Ritzen, Aufmerksamkeit auf sich ziehen und wurde als Modeerscheinung und vor allem als Krankheit der Jugendlichen abgetan. „Bist du nicht etwas zu alt dafür?“ Und dann schämte ich mich.

Ich schämte mich dafür, Hilfe zu brauchen, in vielen alltäglichen Situationen. Denn ich war erwachsen, ich sollte das doch alleine schaffen.

Im Wörterbuch wird Scham folgendermaßen definiert:

„durch das Bewusstsein, (besonders in moralischer Hinsicht) versagt zu haben, durch das Gefühl, sich eine Blöße gegeben zu haben, ausgelöste quälende Empfindung“.

Qual und Hindernis

Und Scham quält, das Gefühl verhindert, dass man über seine Probleme, seine Sorgen spricht, denn man möchte sich nicht schlecht fühle, sich nicht quälen und anderen nicht zur Last fallen.

Und was passiert dann mit einem Menschen, wenn er vor lauter Scham keine Hilfe sucht, sich anderen nicht offenbart? Die berühmte Spirale abwärts oder Rolltreppe abwärts, wie man es auch nennen möchte. Es geht immer weiter bergab in die negativen Situationen.

Beispielsweise bei mir:

Hier erzählte ich von dem Moment, als mir klar wurde, dass ich Hilfe brauchte. Doch was war vorher passiert? Irgendwann in meinem Leben hatte ich die Kontrolle verloren, oder eher gesagt, die Illusion der Kontrolle entglitt mir immer mehr. Denn wirklich die Dinge und mein Leben unter Kontrolle halten kann ich erst seit einigen Jahren.

Ich schlitterte von einer toxischen Beziehung in die Nächste, wurde von meinen damaligen Partnern ausgenutzt, gab zum Teil mehr Geld aus, als ich hatte oder – und das soll keine Entschuldigung sein – ließ zu, dass meine Partner Schulden machten, die ich dann abbezahlen musste, wurde verarscht und von Psychosen und Traumata verfolgt.

Ich schämte mich so dermaßen dafür, dass ich mit keinem darüber sprach. Und die Scham trieb mich immer weiter in dieses Leben, ich suchte Ersatzhandlungen, um dieses quälende Gefühl, diese Stimme der Unzulänglichkeit zu betäuben. Sei es Alkohol, Sex oder Geld ausgeben. Oder selbstverletzendes Verhalten.

Alle um mich herum machten den Anschein, als würden sie ihr Leben super im Griff haben und ich machte mir selber Vorwürfe, dass ich das nicht schaffte. Erst viel später lernte ich, dass der Schein auch trügen kann. Und noch viel später lernte ich, dass Hilfe annehmen voll in Ordnung ist und ich mich dafür nicht schämen muss.

Ich kann vieles, verdammt gut sogar, aber es gibt Dinge, die kann ich einfach nicht. So geht es jedem Menschen. Und was ich nicht kann, das muss halt ein Anderer für mich machen oder einer muss mir zeigen, wie das nun mal funktioniert. Nur so kann ich es lernen.

Aber lange Zeit überwog das Gefühl der Scham. Es nagte an mir, bestimmte meine Handlungen, ich wollte nach außen hin taff und selbstbewusst wirken, wie die Frau, die ich gerne damals gewesen wäre. Es hat nicht funktioniert, ich bin immer weiter in die Dunkelheit hinabgerutscht, in Schulden und Suchtverhalten.

Schlussendlich habe ich die Scham gewinnen lassen.

Das unerwünschte Gefühl besiegen

Bis vor einigen Jahren. Sicherlich, ich schäme mich immer noch für einige Dinge, wenn ich in Fettnäpfchen trete und manchmal auch für die Artikel, die ich hier online stelle. Denn ich berichte hier von sehr persönlichen Erlebnissen, die man gut und gerne auch gegen mich benutzen könnte.

Aber ich lasse dieses Gefühl nicht mehr an Dominanz gewinnen, ich lasse es nicht mehr mich bestimmen.

Und noch etwas habe ich gelernt: ich brauche mich nicht dafür zu schämen, Hilfe zu benötigen.

Scham kann einen schützen, vor falschen Entscheidungen, sie kann einen zu einer ernstgemeinten Entschuldigung beflügeln – aber sie kann auch dein Leben erschweren. Aus falscher Scham heraus keine Hilfe anzunehmen oder sich zu suchen, kann das Leben nachhaltig erschweren.

Wenn du Hilfe brauchst, schäm dich nicht – wir alle brauchen Hilfe in unserem Leben und keiner wird dich für weniger kompetent oder wertvoll erachten.

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Sternenruferin

Marie-Louise, Arbeitet mit psychischer Erkrankung in einer Werkstatt für behinderte Menschen, Mediengstalter, Peer Berater, Borderline und Spaß am Leben. Musik, Bücher und Schreiben vervollständigen den Haushalt mit Mann, zwei Katzen und zwei Schlangen.

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