Erfahrungen und Erlebnisse

Er hat doch immer so nett gegrüßt

Ich kannte ihn unter dem Namen Gjenni. Gjenni war ein Krieger. Zu der Zeit als ich Gjenni kennen lernte, spielte ich jeden Tag World of Warcraft. Er war mit mir in einer Gilde, die ich zusammen mit meinem Bekannten leitete.

Gjenni ging mit uns Raiden, wir Questeten zusammen und hockten allgemein viel auf unserem Reamspeak Server, den ich angemietet hatte. Wir waren eine Gruppe Spieler, die virtuell viel zusammen unternahmen, waren auf Facebook miteinander befreundet und sprachen auch über persönliche Dinge.

Gjenni konnte gut zuhören, war freundlich und immer ein fester Bestandteil der Gilde. Wir konnten uns auf ihn verlassen.

Ich wusste, dass er verlobt war und bald heiraten wollte. Ich freute mich für ihn. Und beneidete auch ein wenig seine Verlobte. Wie gesagt, Gjenni war nett, freundlich, hilfsbereit – ein Mensch, den man gerne in seinem Umfeld hatte.

Vermisst

Dann verschwand seine Verlobte. Ich war geschockt, wie vermutlich ein großer Teil der Gruppe auch. Wir verbreiteten die Suchmeldung über Facebook, ich über meinen damaligen Blog, den kaum einer las – zumindest glaubte ich das.

Mir tat Gjenni unglaublich leid. Ich litt mit ihm und hoffte und betete, dass seine Verlobte wieder auftauchen würde.

Das Erlebte ist mehrere Jahre her und im vergangenen Jahr ist Gjenni wegen Mordes an seiner Verlobten zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden.

Ich frage mich immer noch wie dieses Bild zueinander passt.

Als sich der erste Verdacht erhärtete, bekam ich einen Brief der Kriminalpolizei. Der Beamte zeigte mir einen Ausdruck meines damaligen Artikels – der Blog war schon lange offline.

Ich konnte nur wenig erzählen, lebte ich doch hunderte Kilometer entfernt und kannte Gjenni nur über das Internet. Doch ich erzählte was ich wusste, dass Gjenni immer freundlich war, hilfsbereit und dass ich zu keinster Zeit Ärger zwischen ihm und seiner Verlobten mitbekommen hatte.

Ich schrieb ihn danach auf Facebook an. World of Warcraft spielte ich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr, doch ich war noch mit ihm und den Anderen aus der Gilde auf Facebook befreundet.

Nach einem kurzen Geplänkel fragte ich ihn geradeheraus, ob die Anschuldigungen gegen ihn wahr wären.

Naiv – das war ich zu diesem Zeitpunkt. Ich glaubte ihn zu kennen.

Die Urteile

Kurze zeit später wurde er wegen sexuellen Missbrauch verurteilt.

Ich war geschockt. Ich hatte Mitleid mit ihm gehabt, als er in Untersuchungshaft saß, es ihm dadurch psychisch immer schlechter ging. Ich konnte nicht glauben, dass der Mensch den ich so ganz anders gekannt habe, zu so etwas fähig ist.

Dann im vergangenen Jahr das urteil im Mordprozess.

Diese zwei Seiten eines Menschen miteinander zu verbinden, fällt schwer.

Gelernt habe ich dadurch, dass wir niemanden wirklich kennen. Erst recht nicht, wenn man jemanden nur virtuell kennt. Selbst wenn man in der virtuellen Realität viel Zeit miteinander verbringt.

Früher konnte ich die Aussage „er hat doch immer so nett gegrüßt“ nie verstehen; war ich doch der Meinung, dass man irgendetwas bemerken müsste. Irgendein Indiz musste es doch geben.

Ich wurde eines besseren belehrt.

Die Indizien im Mordprozess haben deine deutliche Sprache gesprochen.

Eine kleine Anmerkung: ich habe auf den realen Namen von Gjenni bewusst verzichtet. Ebenso auf Details die bekannt sind.


Photo by John Noonan on Unsplash

Wenn dir der Beitrag gefallen hat, dann teile ihn!

Sternenruferin

Marie-Louise, Arbeitet mit psychischer Erkrankung in einer Werkstatt für behinderte Menschen, Mediengstalter, Peer Berater, Borderline und Spaß am Leben. Musik, Bücher und Schreiben vervollständigen den Haushalt mit Mann, zwei Katzen und zwei Schlangen.

Für dich vielleicht ebenfalls interessant...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.