Mythen und Legenden

Famadihana auf Madagaskar

Wenn sich ein ganzer Familienclan versammelt und seine Ahnen aus einem großen Familiengrab herausholt, dann ist es wieder soweit: Es wird Famadihana gefeiert! 

Famadihana ist ein Totenfest, das nicht, wie von Halloween, Up Helly Aa oder Obon bekannt, an einem bestimmten Tag oder in einem bestimmten Zeitraum stattfindet. Stattdessen findet es ungefähr in einem Abstand von 3-7 Jahren zwischen Juni und September statt. Der Grund dafür ist, dass eine Famadihana viel Geld kostet und die Lebenden das Geld zunächst meist über mehrere Jahre sparen müssen.

Wann findet es statt?

Wann genau das nächste Famadihana stattfindet, kann auf zwei verschiedene Arten ermittelt werden: Entweder entscheiden die Ahnen selbst (beispielsweise durch das Erscheinen eines frierenden Ahnen im Traum, was bedeutet, dass ein neues Leichentuch fällig ist) oder ein Ombiasy (eine Art Schamane) ermittelt aus verschiedenen Gegebenheiten den nächsten Termin für das Totenfest.

Bemerkenswert ist, dass mittlerweile ca. 41 % der Bevölkerung christlich ist. Auch in den Familienclans ist die Mehrheit oftmals christlich getauft. Mit 52 % hat der indigene Glauben, der auch den Ahnenkult beinhaltet, dennoch eine hohe Stellung in der Gesellschaft. Viele Christen begehen das Famadihana – die alte Religion und das Christentum müssen sich in ihren Augen nicht gegenseitig ausschließen.

Famadihana wird im Hochland zwischen der Hauptstadt Antanarivo und dem südlicheren Ambositra gefeiert. Vor der eigentlichen Umbettung der Leichen werden die Familiengruften gereinigt und bemalt, Tiere werden geschlachtet und große Mengen an Essen werden zubereitet. Zum Fest kommt meist nicht nur die Familie, sondern auch Freunde und Nachbarn werden eingeladen. Touristen sind ebenso willkommen, solange sie mitfeiern und tanzen.

Kontakt mit den Toten

Schließlich wird die Familiengruft geöffnet, die Namen der Verstorbenen werden verlesen und die Ahnen nach und nach aus den Gräbern genommen. Dabei kennen viele Menschen bei weitem nicht alle Ahnen, da die Clans aus verschiedenen Großfamilien bestehen. Bei der Entnahme der Vorfahren werden Bastmatten genutzt, mit denen sie schließlich getragen werden. Die Leichen werden an die frische Luft getragen, wo die Familie schließlich mit den Toten in Kontakt tritt. Da wird erzählt, wer geheiratet hat, wer ein Haus gebaut hat oder wer ein Kind bekommen hat. Auch berührt werden die Gebeine in ihren Leichentüchern – so kommt es, dass Kinder ihren lang verstorbenen Ur-Opa das erste Mal berühren.

Zur Zeremonie gehört letztendlich auch, dass die Toten in ein neues Leichentuch eingewickelt werden. Zum Ende der Zeremonie werden Stifte gezückt, um die Namen auf den Leichentüchern zu vermerken, damit bei der nächsten Famadihana die Gebeine identifiziert werden können. Musiker begleiten das Ritual und auch Toaka Gasy, ein selbstgebrauter Rum, fließt reichlich.

Für die Familien ist Famadihana natürlich die Gelegenheit, um die ganze Familie zu versammeln. Doch mit dem Fest sind auch Probleme verbunden.

Die Probleme

Da ist zum einen der immense Preis, den die Familien für eine Famadihana zahlen. Bei einem Pro-Kopf-Einkommen von ca. 428 US-Dollar pro Monat müssen sich Familien oftmals für das Fest verschulden. Und das nicht nur dafür: Für den Bau einer Gruft, die reichlich verziert ist, werden schnell mehrere Tausend Dollar ausgegeben – mehr noch als für Wohnhäuser.
Der Drang, Familienmitglieder tatsächlich in der Familiengruft beerdigen zu wollen, führt außerdem schnell zu illegalen Handlungen: An anderen Orten Begrabene werden nicht selten illegal im Flugzeug von anderen Familienmitgliedern mitgeschmuggelt, da der Rücktransport oftmals das Budget der Familie übersteigt.

Eine weitere Gefahr: Madagaskar ist das weltweit am schlimmsten von Pest betroffene Land. Die Bevölkerung auf dem Land lebt in ärmlichen Verhältnissen und zum Teil in unhygienischen Häusern. So kommt es, dass sich Menschen mit der Krankheit anstecken. Famadihana ist ein weiterer Pestauslöser – rund um das Fest kommt es immer wieder zu Pest-Ausbrüchen. Wie die Krankheitserreger so lange in den Gräbern überleben können, ist allerdings nicht geklärt.
Wie lange die Famadihanas noch Bestand haben, ist unklar. Einerseits hält sich der Ahnenkult schon so lange, aber andererseits möchten sich gerade junge Leute lieber dem Leben zuwenden und Geld dafür ausgeben als sich für die Toten zu verschulden.

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Sternenruferin

Marie-Louise, Arbeitet mit psychischer Erkrankung in einer Werkstatt für behinderte Menschen, Mediengstalter, Peer Berater, Borderline und Spaß am Leben. Musik, Bücher und Schreiben vervollständigen den Haushalt mit Mann, zwei Katzen und zwei Schlangen.

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