Erfahrungen und Erlebnisse

Für meinen Vater

Mein Vater ist schwer krank und seit gut eineinhalb Jahren kämpfen wir mit ihm um sein Leben. Der Krebs saß zuerst in der Lunge, dann gab es eine Chemo-Therapie. Jetzt sitzt er fast überall. Und eine weitere Chemo ist nur bedingt mögliche – so die Aussage nach dem geriatrischen Assessment.

Zu dem Zeitpunkt, an dem ich diese Zeilen schreibe, ist noch nicht klar, ob noch eine Chemo statt finden wird oder nicht. Es ist also noch alles offen.

Und doch… am Wochenende habe ich mit meiner Mutter telefoniert, und er äußerte im Hintergrund den Gedanken, dass er nicht mehr lebt, wenn wir nächstes Wochenende zu ihnen fahren.

Es ist schwer. Ich möchte gerne mehr tun, als regelmäßig zu meinen Eltern fahren und ihnen dann Gartenarbeit oder Tätigkeiten im Haushalt abnehmen. Ich würde meinem Vater gerne die Schmerzen nehmen, die viel zu viele sind. Mir fällt es schwer, ihn leiden zu sehen.

Die Vergangenheit

Wir hatten es nicht immer einfach, mein Vater und ich. Zwei unglaubliche Dickköpfe, die immer wieder aneinander gerieten. Der doch sehr eigenwillige Humor meines Vaters, seine Art Dinge anzugehen – viele Jahre kam ich damit nicht zurecht. Gerade in meiner Teenagerzeit fühlte ich mich immer von ihm angegriffen.

Dass er nie Zeit für mich hatte, kam hinzu. Er arbeitete zu viel. Für mich, für meine Mutter, für unsere Familie. Genau wie meine Mutter. Ich hatte nicht viel von meinen Eltern. Und ich hatte damals schon genug Probleme – mit Klassenkameraden, die mich mobbten, mit Depressionen.

Es war nicht einfach.

Wir haben uns meist gestritten. Ich war oft wütend auf ihn, fühlte mich nicht verstanden, nicht ernst genommen und vor allem hatte ich das Gefühl, nicht gewollt zu sein. Auf beiden Seiten sind harte Worte gefallen.

Diese Worte führten dazu, dass wir uns jahrelang nicht gesehen haben, jeder Versuch, wieder miteinander in Kontakt zu treten, scheiterte. Wir brauchten wohl Beide Abstand voneinander. Jeder für sich musste erwachsen werden, wir mussten lernen, einander zu verstehen.

Versteht mich nicht falsch. Es war in meiner Kindheit und Jugend nicht alles schlecht.

Ich habe wundervolle Erinnerungen an meinen Vater, an Urlaube in Bayern und in Florida, an Motorradtouren, daran wie er mich mit der Sackkarre durch den Garten schob. Ich war immer ein Papa-Kind, ich habe meinem Vater immer schon ähnlich gesehen und auch von meinem Charakter her komme ich stark nach diesem Mann.

Und genau das machte es manchmal schwierig. Aber auch besonders.

Es war immer Beides: superschön und superschwer!

Ich könnte unzählige Kleinigkeiten und Begebenheiten aufzählen, die wunderschön waren.

Wiedervereint

Vor einigen Jahren dann, funktionierte es plötzlich. Ich hatte eine Therapie hinter mir, mein Vater war zwar nicht ruhiger geworden, aber aufgeschlossener, hörte mir mehr zu und nahm mich plötzlich ernst. Wir konnten miteinander reden. Familie war auch für mich wichtiger geworden, sie fühlte sich nicht mehr als Belastung an.

Und ich wusste, mein Vater hatte selber keine einfache Kindheit. Aus Erinnerungsfetzen, die ich in meiner Jugend erfuhr, konnte ich Schlüsse ziehen, was geschehen war. Dass ich immer schon ein Mensch war, der viel gelesen hat, hat mir dabei geholfen. Bücher über die Generation meines Vaters gibt es einige. Die Generation die direkt nach dem Krieg geboren wurde. Ich konnte viel von dem, was passiert war zuordnen. Bestimmte Verhaltensstränge von ihm kann ich mittlerweile einigen seiner Erfahrungen zuordnen und weiß, warum er so handelt. Ich kann es verstehen und seitdem verletzt es mich kaum noch.

Und dann, gerade als wir ein wunderbares Miteinander gefunden hatte, kam eine Herz-OP bei der er fast gestorben ist.

Und dann kam der Krebs.

Und Krebs ist ein Arschloch. Entschuldigt die rüde Ausdrucksweise.

Ich bin noch nicht bereit

Mein Vater wird immer weniger, der Krebs zerfrisst ihn. Und ich kann nichts tun, außer zuschauen. Es schmerzt tief in mir drin, dass der Mann, der groß und stark war, der jedes Problem lösen konnte, immer kleiner wird und immer mehr abbaut.

Ich sehe ihn immer noch mit Kinderaugen. Und dieses Kind hat Angst, Angst vor einer Zeit ohne den Vater. Dass mein Vater irgendwann sterben wird, ist natürlich und klar. Doch warum jetzt und warum so schmerzhaft?

Ich weiß, auf diese Frage werde ich niemals eine Antwort bekommen, zumindest keine, die es erklärt und fassbar macht.

Und dann gibt es natürlich noch Jene, die jetzt sagen würden: „Du kannst dich immerhin darauf vorbereiten.“. Nun ja … nein. Kann man nicht. Denn jemanden leiden zu sehen, den man liebt, darauf kann man sich nicht vorbereiten.

Ich glaube, ich wünsche mir einfach mehr Zeit. Wie jeder, der jemanden verliert oder verloren hat.

Soviel Zeit, dass ich noch einmal an die Nordsee mit ihm kann, soviel Zeit, dass ich ihm noch Millionen mal sagen kann, dass ich ihn lieb habe, soviel Zeit, dass ich ihn noch einmal wirklich zufrieden und glücklich lächeln sehen kann, soviel Zeit, dass…

Diese Liste wäre endlos.

Doch soviel Zeit wird es niemals geben.

Sie läuft ab. Jeden Tag ein bisschen mehr.

Papa, ich hab dich lieb.


Photo by Heike Mintel on Unsplash

Wenn dir der Beitrag gefallen hat, dann teile ihn!

Sternenruferin

Marie-Louise, Arbeitet mit psychischer Erkrankung in einer Werkstatt für behinderte Menschen, Mediengstalter, Peer Berater, Borderline und Spaß am Leben. Musik, Bücher und Schreiben vervollständigen den Haushalt mit Mann, zwei Katzen und zwei Schlangen.

Für dich vielleicht ebenfalls interessant...

2 Kommentare

  1. […] in einem früheren Artikel habe ich über ihn, über uns und über seine Krankheit geschrieben. Es wurde schlimmer, dann […]

  2. […] schon normal. Ein Beispiel: meine Eltern sind beide Diabetiker, wie fast alle in meiner Familie. Mein Vater nahm Tabletten aber er musste auch Insulin spritzen. Als die Herzprobleme dazu kamen, gab es auch […]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.