Borderline, Erfahrungen und Erlebnisse

Graue Wolken und Dementoren im Kopf

Viele Menschen beschreiben auf viele Arten ihre Depressionen. Von Antriebslosigkeit ist da die Rede, davon, dass es nichts Schönes gibt, dass man sich zu nichts aufraffen kann. Selbst das aufstehen aus dem Bett fällt schwer.

Es gibt so viele Berichte über Depressionen, warum also noch einer? Vielleicht für mich, um aus der Depression heraus zu kommen, vielleicht für dich, damit du weißt, dass sie viele Formen hat. Aber vor allem, damit ich nicht vergesse.

Willkommen

Denn das gefährliche an Depressionen ist: sie kommen immer wieder. Doch sie gehen auch wieder. Und sich an das Zweite zu erinnern fällt unglaublich schwer, wenn sie da sind. Die grauen Wolken im Kopf. Wenn das Wetter schön ist, kann man die Sonne sehen, wenn das Wetter grau und nass, dann eben nicht.

Und irgendwie ist es genau so mit einer Depression: ich trage meine eigene Schlechtwetterfront mit mir spazieren. Wie die Comicfigur, die eine eigene Regenwolke über dem Kopf schweben hat.

Joanne K. Rowling hat in einem Interview gesagt, dass sie Dementoren nach Depressionen entworfen hat, dass diese Wesen Depressionen darstellen können. Und sie hat Recht, natürlich hat sie das, sie ist die Schöpferin dieser Wesen.

Dementoren

Zur Erklärung: Dementoren saugen jedes gute Gefühl aus einem heraus und, wenn sie es schaffen, küssen sie dich. Damit saugen sie dir die Seele aus deinem Körper. Zurück bleibt ein seelenloses Gebilde, was vor sich hin vegetiert. In der Zauberwelt der J.K. Rowling die schlimmste Strafe für einen Verbrecher.

Die einzige Möglichkeit sich gegen diese Wesen zu wehren ist der „Expecto Patronum“, ein Zauber, der einen Wächter hervorruft. Allein durch die Macht eines extrem starken, positiven Gedankens. Je stärker der Gedanke, umso stärker der Patronus.

Aber wie das so schön ist: genau dann fällt es besonders schwer. Und genauso ist es bei Depressionen: man sieht das Schöne nicht mehr.

Alles ist eine Aneinanderreihung von Momenten, die keine Bedeutung haben. Und die Momente fallen schwer, die Probleme des Alltags wiegen größer, schwerer – schwerer als man tragen kann. Jede Bewegung erfordert die Kraft eines langen Marsches und jede Tat, jedes Tun erscheint einem sinnlos.

Warum?

Bei mir schwirrt dann ständig ein Gedanke im Kopf herum: Warum mache ich das alles? Wäre es nicht einfacher, ich wäre tot? Und ich denke dann weiter, welche Form des Freitodes die Angenehmste wäre.

Doch ich weiß, tief in meinem Inneren, wie eine kleine Kerze, die Kilometer weit entfernt steht und die kein Licht spendet, aber dennoch ein Licht ist, dass diese Gedanken auch wieder gehen und dass ich nicht in den Freihtod gehe. Denn wenn die Depressionen verklingen, dann liebe ich mein Leben wieder.

Die Dementoren in meinem Kopf verschwinden, wie nach einem starken Patronus. Es ist ein auf und ab, immer wieder.

Manchmal habe ich Möglichkeiten, wie vermutlich jeder andere Mensch mit Depressionen auch, mich aus diesen zu befreien. Malen, Serien schauen, Schreiben, Lesen – Dinge die mir für gewöhnlich viel Freude bereiten. Wenn die Dementoren da sind, bereiten sie mir keine Freude. Sie sind eine Last. Aber eine Last von der ich weiß, dass sie mir hilft, zurück zur Normalität zu gelangen. Über die Jahre hinweg habe ich das gelernt. Auch habe ich gelernt, dass ein strukturierter Alltag mir helfen kann. Immer die gleichen Abläufe geben mir ein Gerüst in dem ich mich bewegen kann, sicher bewegen kann, ohne neu nach dem Weg zu suchen.

Meine Arbeit hilft mir dabei, mein Mann hilft mir dabei und auch meine Katzen. Wenn die Wohnung ordentlich ist und aufgeräumt, fällt es mir leichter aus meinen Depressionen herauszufinden. Wenn mein Mann mich anlächelt, weiß ich, es gibt wieder gute Tage. Und manchmal ist es die Freundin, die mich zu einem neuen Rollenspiel überredet, oder wenn ich in Minecraft eine funktionierenden Anlage baue.

Auf Wiedersehen!

Kleinigkeiten mögen es für andere Menschen sein, für mich bedeuten sie in solchen Momenten die Welt – die normale Welt, ohne Dementoren.

Und dann, schleichend, wie sie kamen, gehen sie wieder. Mit jedem Atemzug geht es besser, fällt es leichter und ich bin wieder zufrieden. Ich kann morgens wieder ohne Probleme aufstehen und mich in den Tag stürzen.

Bis zum nächsten Mal.

Bis sie wieder kommen, die Dementoren.

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Sternenruferin

Marie-Louise, Arbeitet mit psychischer Erkrankung in einer Werkstatt für behinderte Menschen, Mediengstalter, Peer Berater, Borderline und Spaß am Leben. Musik, Bücher und Schreiben vervollständigen den Haushalt mit Mann, zwei Katzen und zwei Schlangen.

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