Ich hatte jahrelang einen gesetzlichen Betreuer
Borderline, Erfahrungen und Erlebnisse

Ich hatte jahrelang gesetzliche Betreuer

Nach einem Gespräch mit meiner lieben Kollegin Nadine – Schleichwerbung: sie hat einen wirklich tollen Blog – kam ich auf die Idee über ein wirklich oft verschwiegenes Thema auszupacken: ich hatte jahrelang gesetzliche Betreuer! 

Warum wird es verschwiegen?

Simple Frage, simple Antwort: Es ist peinlich. Doch das sollte es nicht sein und muss es auch nicht. Denn wenn wir etwas nicht können, aus welchen Gründen auch immer, holen wir uns Hilfe.

Ich bringe als Beispiel immer gerne den Klempner an:

Das Rohr der heimischen Toilette ist verstopft und man selber kommt mit Klobürste, Pümpel und Rohrfrei nicht mehr an das Problem heran. Also greift man zum Telefon und ruft den örtlichen Sanitärdienst an, der dann zur Hilfe eilt.

Ein tägliches und nun wirklich simples Problem mit einer simplen Lösung. Keiner würde denken, dass man dumm ist oder unfähig. Ich hatte letztens erst die Firma wieder im Haus, da die Waschbecken Armatur ausgetauscht werden musste. Kein großes Ding oder? 

Also, warum ist das dann in so vielen anderen Lebenslagen ein Problem? Warum soll ich mich dafür schämen, dass ich mit meiner Post, meinen Papierkram, der Krankenversicherung und dem Wust an Dokumenten der Ämter überfordert bin? Weil es in unserer Gesellschaft nicht akzeptabel ist, wenn man das nicht kann. Aus welchen Gründen auch immer. Dass ich das anders sehe, sollte jetzt klar sein. Ich muss nicht alles können und wenn ich Dinge nie gelernt habe oder durch was auch immer verlernt habe, brauche ich Hilfe! 

Kein Kind kann von Anfang an Fahrrad fahren, es braucht Stützräder und die hoffentlich liebevoll begleitenden Hände seiner Eltern, Großeltern, großen Geschwister oder oder oder. Irgendwann kann das Kind alleine mit Stützrädern fahren, irgendwann dann ohne und es gilt als gänzlich natürlich. 

Mein Weg zu einem Betreuer

Als ich das erste Mal halbwegs freiwillig in eine Klinik ging, war ich wirklich und wahrhaftig an meinem ganz persönlichen Ende angekommen. Briefkasten aufmachen? Konnte ich nicht. Tür öffnen, wenn es klingelte? Konnte ich nicht. Mich um meine Finanzen kümmern? Konnte ich nicht.

Ich ging arbeiten und sonst tat ich nichts. Im wahrsten Sinne des Wortes. 

Also, Klinik und die dort zuständige Sozialarbeiterin war die erste Person, die sich dafür interessierte was abseits der Klinik passierte, abseits meiner Erkrankung. Denn dass solche Dinge einen zusätzlich belasten und die Therapie erschweren liegt auf der Hand.

Gemeinsam mit ihr führte ich das erste Telefonat mit einem Gerichtsvollzieher – denn es hatten sich Schulden angehäuft, es waren Briefe unbeantwortet und er hatte mich natürlich auch nie zu Hause angetroffen. Einfach weil ich jedes Mal in eine Art Schockstarre geriet, wenn es an der Tür klingelte.

Probleme haben die Angewohnheit sich zu potenzieren, wenn man sie nicht beachtet. Und so ging es auch mir. Ich konnte mich nicht auf die Therapie konzentrieren, weil ich ständig an die mannigfaltigen Probleme dachte, die zu Hause auf mich warteten. 

Schlussendlich initiierte die Sozialdienstmitarbeiterin eine gesetzliche Betreuung. Und ich atmete erleichtert auf. Denn ich bekam Hilfe bei Etwas, was ich augenscheinlich nicht mehr konnte, nicht mehr alleine bewerkstelligen konnte.

Eine Randnotiz hier: meine Mutter ist grandios im Umgang mit dem ganzen Thema und hat zeitlebens versucht, mir alles Nötige beizubringen. Aber durch meine Erkrankung ist es einfach versickert. Zwischen Ängsten und Psychosen gefangen hatte ich weder Kraft noch den Mut, mich dieser Aufgabe zu stellen.

Zehn Jahre mit Betreuer

Schlussendlich hat mich mein Betreuer, beziehungsweise zwei Betreuer dank Umzug, über zehn Jahre begleitet. Er hat mir geholfen meine Schulden in den Griff zu bekommen – danke an meinen Mann, der mich durch eine Finanzspritze vor der Privatinsolvenz bewahrt hat – und mir über lange Zeit immer wieder erklärt, was ich eigentlich zu tun habe. Nach und nach habe ich dann immer mehr von den Aufgaben wieder selbst übernommen, erst mit seiner Hilfe, dann ohne ihn.

Irgendwann kam dann der Tag, an dem wir entscheiden mussten, ob die Betreuung fortgesetzt wird oder nicht. Rückblickend war dieser Tag eine absolute Mischung aus den unterschiedlichsten Gefühlen: ich war stolz es endlich wieder alleine zu schaffen, ich hatte panische Angst, dass ich es nicht schaffe und ganz viel Freude, wieder einen Meilenstein erreicht zu haben. 

Mein Betreuer meinte nur “Ich weiß nicht wie ich Ihnen noch helfen kann. Sie machen fast alles wieder selber und den Rest schaffen Sie auch noch.” 

Und er sollte Recht behalten. Ich mache es immer noch nicht gerne, aber ich zittere nicht mehr, wenn ich einen Brief öffne, ich gerate in keine Schockstarre wenn es an meiner Tür klingelt und ich kann in einem guten Umfang alles selber erledigen. Ab und an frage ich meine Mutter um Rat, da sie aus der Rechtsbranche kommt und einfach die komplizierten Texte, mit denen man es manchmal zu tun hat, besser versteht als ich. 

Manchmal muss mein Mann mir sagen, los kümmer dich darum. Und manchmal muss ich es in Etappen machen, weil es schwer oder schwierig ist.

Schlussendlich…

Schlussendlich habe ich gelernt mich um mich selber zu kümmern. Und als ich es nicht konnte, bekam ich Hilfe. Schlussendlich weiß ich, dass Betreuer eine extreme Hilfe sein können, wenn man sie braucht und dass man sich dafür nicht schämen muss. Warum auch? Heute spreche ich offen darüber. Wie über den Termin des Klempners oder die ersten Versuche Fahrrad zu fahren. 


Photo by Nathan Dumlao on Unsplash

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Sternenruferin

Marie-Louise, Arbeitet mit psychischer Erkrankung in einer Werkstatt für behinderte Menschen, Mediengstalter, Peer Berater, Borderline und Spaß am Leben. Musik, Bücher und Schreiben vervollständigen den Haushalt mit Mann, zwei Katzen und zwei Schlangen.

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