Borderline, Erfahrungen und Erlebnisse

Lebenszeichen von jenseits der Erinnerungen

Seit drei Wochen ist kein Artikel mehr auf diesem Blog erschienen. Es gibt dafür Gründe, denn das Leben läuft nicht immer nach Plan, aber es wird wieder Regelmäßigkeit einkehren.

Viele meiner Artikel schreibe ich vor, manchmal hab ich für mehrere Wochen Artikel, so dass ich eigentlich immer für einige Zeit „Vorrat“ habe.

Doch diesmal haben die Artikel nicht gereicht.

Er ist nicht mehr da

Am 26.06.2021 ist mein Vater gestorben. Er ist nicht mehr da, wo er war, aber überall da, wo ich bin.

Bereits in einem früheren Artikel habe ich über ihn, über uns und über seine Krankheit geschrieben. Es wurde schlimmer, dann besser… bis es zum Schluss nur noch Schmerzen waren. Und Metastasen. Überall in seinem Körper.

Auch wenn wir wussten, dass der gemeinsame Weg nicht mehr lang sein würde, kam es doch schneller als gedacht. Es hat uns zwar nicht überrascht, aber dennoch aus der Bahn geworfen.

Die ersten Tage nach dem Tod habe ich wirklich nur funktioniert, um es meiner Mutter so einfach wie möglich zu machen, um ihr zu helfen alles zu organisieren und zu regeln. Beerdigung, Behörden, Ämter…

Viel wurde uns von unserem Bestatter abgenommen, dennoch blieb viel zu tun. Und mit einer psychisch kranken Mutter und mit einer eigenen psychischen Erkrankung ist das alles nicht so einfach. Auf der Strecke blieb, wie zu erwarten, meine eigene Psyche.

Deutlich spürte ich nach der Beerdigung, nach der Woche bei meiner Mutter, wie meine Psyche regelrecht lahm gelegt war. Ich war überfordert, mit der Situation, mit meinem Alltag, erschöpft von den letzten Monaten und konnte nicht begreifen, dass mein Vater nicht mehr da war, da ist.

Ich brauchte eine Pause.

Auszeit

Eine Woche bevor mein Vater gestorben war, hatte ich mich krank schreiben lassen. Als ich meinen Psychiater anrief und ihm sagte, dass mein Vater verstorben sei, verlängerte er die Krankmeldung einfach um drei Wochen, schuf mir damit Zeit und eine Pause.

Und ich kapselte mich ab, kümmerte mich wirklich nur um mich, versuchte zur Ruhe zu kommen.

Und zur Ruhe gekommen bin ich. Irgendwie, auch wenn ich immer noch in einem auf und ab der Gefühle und Emotionen unterwegs bin. Ich vermisse meinen Vater, fühle mich vom Schicksal, vom Leben betrogen, dass ich nur so wenig Zeit mit ihm hatte.

Jahrelang hatten wir keinen Kontakt. Und dann nur wenige Jahre. Alles war mir jetzt noch bleibt, sind Erinnerungen und Bilder.

Erinnerungen

Ich habe bei der Beerdigung eine Grabrede gehalten und die Erinnerungen wach gerufen, die mir bleiben.

Für mich bleibt die Erinnerung an ein rotes Rennrad, das mich Zeit meines Lebens davor gemahnt hat, alkoholisiert Auto zu fahren, Erinnerungen an den Truck Grandprix, zu dem wir auf den Motorrädern gefahren sind und mein Vater mir meine erste Lederhose kaufte, auf dem wir beide Truck Stop live sahen.

Es bleiben Erinnerungen an schöne Tage. Erinnerungen an einen Menschen, der das Leben geliebt hat und der noch viel vor hatte. Lasst uns nicht das Leid sehen, sondern dankbar dafür sein, dass wir eine gemeinsame Zeit hatten.

Ich hätte mir mehr Zeit gewünscht. Wie jeder, der jemanden verliert oder verloren hat. Soviel Zeit, dass wir noch einmal an die Nordsee hätten fahren können, dass ich ihm noch eine Millionenmal hätte sagen können, dass ich ihn lieb habe, dass ich ihn noch einmal glücklich lachen hätte sehen können, so viel Zeit, dass… es wäre eine endlose Liste.

Doch unsere Zeit ist begrenzt, sie läuft ab. Jeden Tag ein bisschen mehr.

Ich musste zusehen, wie mein Vater im Laufe der letzten Monate immer weniger wurde, immer mehr abbaute und vom Krebs zerfressen wurde. Dieser Schmerz wird für immer bleiben und ich muss mein Leben neu sortieren.

Danach

Auch wenn ich das Wort Trauerarbeit nicht mag, es ist Arbeit, alles muss nicht nur im Leben neu arrangiert werden, sondern auch im Kopf. Ein wichtiger Teil meines Lebens ist nicht mehr da. Aber wie so oft, werde ich weiter machen, meinen Weg finden.

Ohne meinen Mann wäre es für mich in den letzten Wochen wesentlich schwerer geworden, er ist zu einem Anker geworden und hat vieles von mir fern gehalten – ich bin ihm dankbar dafür. Dankbar, dass ich mich auf mich konzentrieren konnte.

Zum Schluss bleiben mir die Erinnerungen und die Dankbarkeit.


Photo by Alberto Bobbera on Unsplash

Wenn dir der Beitrag gefallen hat, dann teile ihn!

Sternenruferin

Marie-Louise, Arbeitet mit psychischer Erkrankung in einer Werkstatt für behinderte Menschen, Mediengstalter, Peer Berater, Borderline und Spaß am Leben. Musik, Bücher und Schreiben vervollständigen den Haushalt mit Mann, zwei Katzen und zwei Schlangen.

Für dich vielleicht ebenfalls interessant...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.