Empowerment und Beratung, Erfahrungen und Erlebnisse

Psychopharmaka – Ein Tabu?

Ein großes Tabuthema bei Menschen mit psychischer Erkrankung scheint immer noch die Einnahme von Psychopharmaka zu sein. Ich habe schon viele erlebt, die gesagt haben „ich will aber keine Medikamente nehmen“. Sicherlich, ich verstehe die Einstellung, wenn man nicht unbedingt Medikamente nehmen muss, sollte man es auch nicht. Schließlich gibt es Nebenwirkungen, egal welche Medikamente man nun nimmt.

Doch warum ist es ein so großes Tabu? Schaut man sich andere Erkrankungen an, dann ist die Einnahme von Medikamenten oftmals schon normal. Ein Beispiel: meine Eltern sind beide Diabetiker, wie fast alle in meiner Familie. Mein Vater nahm Tabletten aber er musste auch Insulin spritzen. Als die Herzprobleme dazu kamen, gab es auch dafür Tabletten.

Und jetzt sehe ich schon den erhobenen Zeigefinger einiger Leser, die sagen möchten „Aber das ist doch etwas ganz anderes.“ Ist es das? Nicht wirklich.

Beispiele des Tabus

Ein weiteres Beispiel: eine Form der Bipolaren Störung ausgelöst durch zu viele Botenstoffe im Gehirn, durch ein Ungleichgewicht.

Dieses Ungleichgewicht kann durch Einnahme von Tabletten ausgeglichen werden. Aber es sind Psychopharmaka.

Ein weiteres Beispiel: Depressionen. Gerne werden hier Serotonin-Wiederaufnahmehemmer – was für ein Wort – gegeben. Sie sollen verhindern, dass der Botenstoff Serotonin in zu großen Mengen vom Gehirn aufgenommen wird. Auch das sind Psychopharmaka.

An dieser Stelle das Nähkästchen, aus dem ich hier so gerne plaudere: ich nehme zwei Medikamente. Einmal einen der Wiederaufnahmehemmer um meine Depressionen im Griff zu behalten. Ein weiteres, ebenfalls ein Antidepressivum, zum Schlafen, es hat eine sedierende Wirkung.

Auch ich habe mich lange Zeit gegen Medikamente gewehrt, verstehe also die Bedenken, die manche Menschen haben. Denn ich habe auch schlechte Erfahrungen gemacht, reagierte auf die Nebenwirkungen wie ein Versuchskaninchen und fühlte mich, trotz Medikamente, echt mies.

Psychopharmaka als Unterstützung

Aber die Medikamente, die ich jetzt nehme, unterstützen mich. Sie helfen mir. Und das ist etwas, über das viel zu wenig gesprochen wird.

Man lernt einen Menschen kennen, und erfährt nach einiger Zeit, dass dieser ein Antidepressivum nimmt. Dieser Mensch ist in den eigenen Augen ganz normal und zumeist gut gelaunt und es stellt sich einem die Frage: warum nimmt dieser Mensch Antidepressiva?

Die Antwort ist ganz einfach: weil er sonst nicht klar kommen würde. Die dunklen Gedanken, die Depressionen würden vermutlich Überhand nehmen und es ginge ihm schlecht.

So ist es zumindest bei mir und bei einigen Anderen die ich kenne. Die Medikamente erleichtern uns den Alltag, und mehr noch, manchmal sorgen sie sogar dafür, dass ein Alltag erst möglich ist. Warum sind sie also ein dermaßen großes Tabu? Ganz einfach: weil sie ein Zeichen dafür sind, dass man psychisch krank ist.

Und psychisch krank zu sein ist immer noch verpönt in unserer Gesellschaft. Also sind auch die Psychopharmaka ein Tabu.

Wenn ich nun mein eigenes Leben betrachte, sind die Medikamente, die ich nehme, immens hilfreich.

Das Medikament, welches meinen Schlaf fördert, sorgt dafür, dass ich überhaupt schlafen kann. Denn ohne, und ich habe es wirklich, wirklich probiert, ist es schwer für mich. Ich komme nicht zum Schlafen, zwar werde ich müde, aber länger als ein bis zwei Stunden schlafe ich nicht. Ich komme innerlich nicht zur Ruhe. Und das geht über Tage, ich werde immer unausgeglichener, müder und angespannter, ich bin nicht mehr zu irgendetwas fähig. Ein Alltag ist so kaum bis gar nicht möglich. Dann wird zum Wochenende genügend Alkohol getrunken, damit ich mich ausschlafen kann. Und Montags geht es dann auf ein neues los.

Dann doch lieber ein Medikament.

Psychopharmaka als Zeichen des Tabu Psyche

Es ist wie der eingangs erwähnte Diabetiker: ohne Insulin würde der Zuckerspiegel ins Ultimo rutschen. Bei mir ist es nun einmal das Gehirn, was mit mir macht, was es will, ohne dass ich es beeinflussen kann.

Die Psychopharmaka machen mir ein geregeltes, ein schönes und wundervolles Leben möglich.

Das Stigmata kommt mit dem Unverständnis für psychische Erkrankungen daher. Eine Erkrankung, die man nicht auf Anhieb erkennt.

Und was ich nicht sehen kann, das gibt es nicht.

Wenn dir der Beitrag gefallen hat, dann teile ihn!

Sternenruferin

Marie-Louise, Arbeitet mit psychischer Erkrankung in einer Werkstatt für behinderte Menschen, Mediengstalter, Peer Berater, Borderline und Spaß am Leben. Musik, Bücher und Schreiben vervollständigen den Haushalt mit Mann, zwei Katzen und zwei Schlangen.

Für dich vielleicht ebenfalls interessant...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.