Mythen und Legenden

Totenfest: Gai Jatra in Nepal

Heute reisen wir in das Land, das zwischen Indien und China liegt: In Nepal wird alljährlich das Gai Jatra gefeiert. Nach dem Hindu-Kalender wird das Fest im Monat Bhadra, das dem Zeitraum von August bis September entspricht, gefeiert. 

Gai Jatra kommt aus dem Nepalesischen, wobei gāi “Kuh” bedeutet und jātrā bei uns als “Fest” übersetzt wird. Somit haben wir es wortwörtlich mit einem Kuh-Fest zu tun und das Totenfest wird dem Namen absolut gerecht!

Zum Gai Jatra geht es darum, die Verstorbenen zu ehren und ihnen zu gedenken. Dazu bringt jeder, der im vergangenen Jahr ein Familienmitglied verloren hat, eine Kuh mit zum Fest. Wer keine mitbringt, kann auch einen Jungen als Kuh verkleiden und ihn so mitbringen.

Warum aber ausgerechnet Kühe? Der Grund liegt im Hinduismus, welcher die Hauptreligion in Nepal darstellt. Für Hindus ist die Kuh ein heiliges Wesen, und zwar schon seit tausenden von Jahren schon. Was für unsere Augen merkwürdig erscheinen mag, ist für die Hindus eine große Ehrerweisung.

Die Kühe, die Jungen und alle Feiernden marschieren in einer fröhlichen Parade durch die Straßen und feiern zusammen. Die Feiernden teilen ihre Trauer miteinander, aber sie wissen auch, dass ihre Lieben nun in Sicherheit sind. 

Die Welt ist geprägt von Legenden und Sagen. So liegt auch dem heutigen Gai Jatra-Fest eine Legende zugrunde.

Warum werden an Gai Jatra so viele witzige Kostüme angezogen, Witze erzählt und Wert darauf gelegt, die Menschen zum Lachen zu bringen, obwohl eigentlich den Toten gedacht werden soll? Im 17. Jahrhundert trug es sich zu, dass König Pratap Malla seinen Sohn Chakravartendra Malla vorzeitig verlor. Seine Frau, die Königin, war über den Tod des Kindes so schockiert und so untröstlich, dass sich der König etwas einfallen ließ, um ihr wieder das Lachen ins Gesicht zu zaubern.

So ließ er zunächst eine Anlage und ein Monument in Gedenken an seinen Sohn errichten. Rani Pokhari, wie dieser Ort genannt wird, wurde künstlich angelegt. Wasser wurde von heiligen Stätten wie Muktinath und Badrinath geholt, um den riesigen angelegten Graben zu füllen. Das Wasser wurde übrigens dorthin geschafft, da Mallas Frau über den Tod des Sohnes krank wurde und konnte so nicht auf Pilgerschaft gehen konnte.

Da aber alles nichts half, und nichts ein Lächeln in das Gesicht seiner Frau zaubern konnte, verkündete König Malla, dass derjenige, der die Königin zum Lächeln bringen würde, gerecht entlohnt werden würde. Während des Gai Jatra-Festes wurde alles unternommen, um die Dame zu erfreuen. Als schließlich eine Gruppe von Menschen Witze über wichtige Persönlichkeiten in der Gesellschaft machten, sich über soziale Ungerechtigkeiten lustig machten und Schlechtes ins Lächerliche zogen, brachte das die Königin endlich zum Lächeln. Da der Erfolg so groß war, wurde der Brauch des Witzemachens vom König schließlich während des Gai Jatra für die Zukunft angeordnet.

Das Gai Jatra ist in verschiedenen Regionen Nepals unterschiedlich ausgeprägt. In Kathmandu, was man als den Ursprung des Festes ansieht, wird, seitdem die Königin während des Festes zum Lächeln gebracht wurde, das Totenfest mit viel Freude, beeindruckenden und witzigen Kostümen und natürlich einem Umzug mit Kühen begangen. Der Umzug geht bis in die Vororte, um den Toten die Ehre zu erweisen.

In Kirtipur geht man ebenso in einem Umzug durch die Stadt, vor allem durch die Altstadt. Dort verkleidet man sich allerdings nicht als Kuh, sondern als verschiedene Gottheiten. Die Prozession findet außerdem nicht nur in Gedenken an die Verstorbenen statt, sondern man feiert auch für Frieden und Harmonie unter Familienmitgliedern und den Stadtbewohnern. Außerdem feiern Bauern das Ende der harten Arbeit, wenn sie Ende des Monats nach Hause kommen. Sie veranstalten dann mit ihrer Familie ein großes Festessen zum Gai Jatra.

Von Bakhtapur sagt man, dass es dort die aufregendste Form des Gai Jatra gäbe. Dort gibt es einen Wagen aus Bambus (Taha-Macha genannt), der in Stoff, meist einem Sari-ähnlichen Stoff in Schwarz, eingewickelt ist und auf diesem wird ein Foto des Verstorbenen aufgehängt. Der Wagen wird durch die Stadt gefahren; eine lange Wagenparade entsteht. Musiker folgen dieser Prozession und Menschen verkleiden sich, malen ihre Gesichter an oder tragen Masken und Männer ziehen sich oftmals wie Frauen an. Für eine ganze Woche wird getanzt und gefeiert und kulturelle Shows werden vorgeführt.

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Sternenruferin

Marie-Louise, Arbeitet mit psychischer Erkrankung in einer Werkstatt für behinderte Menschen, Mediengstalter, Peer Berater, Borderline und Spaß am Leben. Musik, Bücher und Schreiben vervollständigen den Haushalt mit Mann, zwei Katzen und zwei Schlangen.

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