Toxische Sätze meiner Kindheit
Borderline Erfahrungen und Erlebnisse

Toxische Sätze meiner Kindheit – Teil 2

Toxische Sätze meiner Kindheit Teil 2

Jeder kennt sie vermutlich, diese Sätze aus der Kindheit, die einem im Gedächtnis geblieben sind. Oftmals nicht, weil sie einem besonders in der Entwicklung geholfen haben, sondern weil sie im Nachgang betrachtet unglaublich toxisch waren.

Heute gibt es Teil 2 der „besten“ toxischen Sätze meiner Kindheit! Teil 1 findet ihr unter diesem Link!

“Du bekommst keinen Nachtisch, wenn du den Teller nicht leer isst.” 

Oma und Opa, Generation Krieg. Mittagessen war immer eine Qual für mich. Und ich habe, bis ich die Schule beendet habe, jeden Mittag bei meinen Großeltern gegessen. 

Und immer hieß es, der Teller müsse leer sein. Entweder mit der Drohung, dass es sonst keinen Nachtisch gebe oder dass das Wetter schlecht würde, wenn der Teller nicht leer sei. Mein Essverhalten hat sehr darunter gelitten. Wahlweise aß ich über meinen Hunger hinaus oder verweigerte das Essen. Ich hab heute noch Probleme damit zu erkennen, wann ich satt bin. Ich glaube, dass mit diesen oder ähnlichen Sätzen ganze Generationen mit Essstörungen herangezogen wurden. Denn zu erkennen, wann ich keine Hunger mehr hatte, wann ich satt war, wurde hier von meiner Großmutter übernommen, durch das Festlegen der Portionsgröße, die ich zu essen hatte. 

Resultat des Ganzen: entweder aß ich in meiner Kindheit und Jugend zu viel oder gar nichts. Irgendwann fing ich an, das Essen wieder hervorzubrechen, weil ich das Gefühl nicht mochte, dass die Portionsgröße in mir auslöste. 

Ich kann mich an keine Zeit in meiner Jugend erinnern, in der ich ein normales Essverhalten hatte. Und der folgende Satz hat da auch nicht geholfen…

“Wenn du so zierlich wärst wie XY, müsstest du nicht so mit anpacken.”

Nachdem ich in die Pubertät kam, ging ich in die Breite. Nicht, dass ich übermäßig dick war. Mein Becken meinte einfach richtig breit zu sein. Meine erste Frauenärztin meinte einmal zu mir: “Wenn Sie mal schwanger werden, hat das Kind es richtig gut, sie haben ein richtig gebärfreudiges Becken.” Hört man mit 15 sicherlich richtig gerne.

Dieser Satz hat mich zwar auch nachhaltig verstört, aber wesentlich schlimmer war ein Satz, den ich ständig von meinem Vater zu hören bekam. Verglichen mit den Mädchen aus meinem Freundeskreis war ich dick. Ich wog auf 1,59 m knappe 57 kg, war dabei aber relativ fit – im Kugelstoßen holte ich sogar mal kreisweit in meiner Altersklasse eine Medaille. 

Aber mein Vater nahm das zum Anlass, mich körperlich mit einzuspannen. Eine Voraberklärung: zeit meines Lebens hat mein Vater ein Nebengewerbe gehabt. In meiner Kindheit und Jugend hat er Steinfiguren erstellt, aus Beton, gedacht für Gärten. In allen Größen und Formen. Da ich also nicht so schlank war, wie viele meiner Klassenkameraden, fand er, dass ich auch mit anpacken könnte. 

Dass dieser Satz problematisch wurde, versteht sich von selbst. Neben dem fehlenden Satt-Gefühl, bekam ich noch impliziert, dass ich ja selber Schuld sei, so schwer arbeiten zu müssen. Also rannte ich viele Jahre einer Körperform hinterher, die genetisch gar nicht bei mir angelegt war. 

Hinzu kamen schon sehr früh Rückenprobleme – hey, ich konnte als Teenager schon Steinfiguren mit mehr als 50 kg problemlos heben. 

“Wenn du dich nicht anstrengst, packen wir dich auf die Sonderschule.” 

Ein Satz, der während meiner Zeit am Gymnasium über mir schwebte. Angespornt hat er mich nicht. Eher im Gegenteil. Ich wurde in der Schule gemobbt, gefühlt schauten die Lehrer weg, wenn ich angespuckt, beleidigt oder angegangen wurde. Lust zur Schule zu gehen hatte ich irgendwann nicht mehr, ganz im Gegenteil: Magenschmerzen, Depressionen und Angst waren meine täglichen Begleiter.

Dass darunter mein Lernwille und schließlich auch meine Noten gelitten haben, ist kein großes Wunder.

Anspornen sollte mich also die Aussage meiner Eltern. Denn auf Sonderschulen gingen die Dummen, die Behinderten, jene, denen man in den 90ern des vergangenen Jahrhunderts keine lohnende Zukunft zuschrieb. 

Das Gewünschte wurde damit nicht erreicht. Eher das Gegenteil, denn ich fühlte mich dadurch herabgesetzt, hatte das Gefühl dumm zu sein, nichts wert zu sein. Denn warum sollten meine Eltern mich sonst auf eine Sonderschule packen wollen? Also wurde dadurch die Angst und die Depression noch verstärkt. 

“Du musst da drüber stehen.”

Wie ein Absatz vorher schon erwähnt, wurde ich in der Schulzeit schwer gemobbt. Wollte ich mit meinen Eltern darüber sprechen, dann bekam ich oftmals zu hören, ich solle doch darüber stehen. 

Darüber stehen, während man jeden Tag beleidigt, bespuckt oder angegangen wird, funktioniert nicht. Ich hatte keine Abwehrmechanismen für die tägliche Qual und bekam immer mehr das Gefühl, meine Eltern interessiert es nicht. 

Dieser eine Satz gab mir immer wieder das Gefühl, dass sie eigentlich gar nicht so genau wissen wollten, was mit mir los war. Sie taten es ab. 

Also musste es doch an mir liegen, dass es so schwer für mich war. Ich traute mir immer weniger zu und vertraute meinen Eltern immer weniger, denn ich musste ja darüber stehen. Das konnte ich nicht, also war ich nicht gut genug, nicht schlau genug, nicht taff genug. 

Dieser Gedanke hat mich lange begleitet und auch heute noch kommt er immer wieder durch. Allerdings habe ich mittlerweile mehr als genug Gegenbeweise für all das. Dennoch hat es mein Leben gewaltig erschwert.

Wie schaut es bei euch aus? Was sind Sätze, die ihr als besonders toxisch in Erinnerung habt? Habt ihr es mittlerweile geschafft, diesen etwas entgegen zu setzen?


Photo by Beth Jnr on Unsplash

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2 Kommentare

  1. Nadine says:

    Ein Satz meiner Kindheit der mir besonders in Erinnerung geblieben ist, ist folgender:
    „Stell dich nicht so an!“
    Heute noch plagt dieser Satz mich, da er mir suggeriert, was ich fühle ist falsch.

    1. Ohja, der ist auch besonders … gut! Na, du weißt schon! Wir dürfen uns anstellen, wenn es schmerzt, egal auf welcher Art und Weise. ♥

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