Unsichtbar behindert - Best of "Stell dich nicht so an"
Erfahrungen und Erlebnisse

Unsichtbar behindert – Best of „Stell dich nicht so an“

Unsichtbar behindert Stell dich nicht so an

Das Problem mit psychischen Erkrankungen ist ja oftmals, dass man sie den Menschen nicht ansieht. Ich nenne das gerne „unsichtbar behindert” und in meinem Artikel “Ich wünschte, ich würde im Rollstuhl sitzen” habe ich über diese Problematik schon einmal gesprochen.

Nun hat Kopfkrawalle auf Instagram einen Post veröffentlicht, der mich wieder auf dieses Thema gestoßen hat und in dem sie einige Sätze aufgegriffen hat, die viele Menschen mit einer psychischen Erkrankung oftmals zu hören bekommen.

Viele dieser Sätze kenne ich, leider muss gesagt werden. Also, Vorhang auf, für die besten Sätze, die sich Menschen mit einer unsichtbaren Behinderung anhören dürfen und was sie in mir auslösen! 

Eine Anmerkung: Ich nutze Karen hier als eine Person, die einfach für all jene steht, die für Facepalm und Kopfschmerzen sorgen. Solltest du Karen heißen, tut es mir unendlich leid! Bitte fühle dich nicht angesprochen. 

Und Achtung: Dieser Artikel könnte Spuren von Ironie und Sarkasmus beinhalten! Nehmt einfach nicht alles wörtlich! 

“Man sieht dir gar nicht an, dass du behindert bist!”

Ach ne. Wie sieht denn ein Behinderter für gewöhnlich aus? Womit wir wieder beim Rollstuhl wären. Natürlich sieht man es mir nicht an, was noch lange nicht heißt, dass ich nicht behindert bin. Einem Menschen, der taub ist, sieht man das auch nicht an, aber du würdest es nie in Frage stellen, oder Karen? 

Für viele Menschen gehört zu Behinderung immer noch dazu, dass man körperlich eingeschränkt ist, auf eine Art und Weise, dass es sichtbar ist. 

Doch viele Behinderungen, gerade psychische, sind halt einfach nicht sichtbar. Was soll mir dieser Satz eigentlich sagen? Am Anfang, als ich mich noch wenig mit der Materie beschäftigt habe, habe ich mich ehrlich gesagt darüber gefreut. Heute sehe ich es anders. 

Es werden Erwartungen an Behinderte gestellt, und die erfülle ich für gewöhnlich nicht. Irgendwie empfinde ich den Satz als diskriminierend. 

Meine Empfehlung: Lasst ihn einfach! Wenn ihr wissen wollt, warum jemand behindert ist, fragt doch einfach nach. Versteckt es nicht hinter fragwürdigen Komplimenten.

“Dein Leben ist doch so toll, du musst einfach mehr lächeln!”

Ja genau, und nem Asthma-Kranken sagst du auch “Es gibt doch so viel Luft, du musst einfach mehr atmen.” 

Für gewöhnlich ist das mein Konter auf diesen oder ähnliche Sätze. Als würde zwanghaft positives Denken oder Lächeln alle Depressionen in den Wind schlagen.

So einfach ist das Ganze dann doch nicht. Ich habe eine tolle Beschreibung einer Depression gelesen, die ich gerne mit euch teilen möchte: Die Betroffene sprach davon, dass die gängigen Wörter, die für Depressionen genutzt werden, diesen Zustand gar nicht erfassen könnten. Es wäre wie ein Schlaganfall, als ob das Gehirn gelähmt wäre. 

Und so ist es doch oft: Mit Depressionen verbinden die meisten Menschen einfach mal schlechte Laune, schlechte Tage. Aber es ist viel mehr wie ein Schlaganfall. Menschen mit Depressionen sind teilweise gar nicht mehr in der Lage, irgendetwas zu tun. Das fängt beim Aufstehen an. Zähneputzen ist ein Ding der Unmöglichkeit und die Raufasertapete ist die beste Aussicht, die man in seinem Leben hat. 

Und wenn man dann wirklich mal ausgelassen lacht, wenn man sich wirklich mal freut, dann kommt oft genug “Ich dachte du hast Depressionen?”. Oh, ja, sorry, ich geh wieder in meine Ecke und heule.

Natürlich dürfen Menschen mit Depressionen niemals fröhlich sein, denn dann hätten die ja keine Depressionen. 

“Du wirkst gar nicht psychisch krank.”

Wieder so ein Satz, der lieb gemeint ist, aber eigentlich eine Beleidigung ist! Wie sind denn gewöhnlich psychisch kranke Menschen? 

Achja, wir sind vermutlich alle gaga in der Birne, verkappte Serientäter und können unser Leben nicht alleine schaffen. Puh, ich strenge mich dann mal an, dass ich die üblichen Blöd-Vorgaben erfülle. 

Jeder Mensch ist anders, so auch jede psychische Erkrankung. Natürlich gibt es Parallelen, aber nicht jeder Borderliner verletzt sich selbst, nicht jeder Schizophrene wird zum Mörder und nicht jeder Autist ist ein Mathe-Genie. 

Aber genau das ist es, was viele Menschen, die ihr Wissen nur aus Schlagzeilen beziehen, denken. Da ist wieder der Vergewaltiger, der nach seiner Verhaftung “in eine Psychiatrie eingewiesen wird”. Da ist wieder der Mörder, der „Traumas in seiner Kindheit erlebt hat”.

Tut mir leid, Karen. Ich wurde sexuell missbraucht, aber ich bin kein Mörder. Obwohl ich mir das bei einigen echt doch mal überlegen sollte. War ein Spaß!

Von einer Person, die man vielleicht gar nicht kennt, wird auf alle geschlossen, die eine ähnliche Erkrankung haben. 

Wenn du was wissen willst, dann frag mich! Ich erzähle dir gerne alles, was ich erlebt habe, ich kläre dich gerne über meine Erkrankung auf. Aber bitte glaub mir, wenn ich sage, dass ich krank bin! Auch wenn ich in deinen Augen nicht so wirke.

“Du bist so stark!” vs. “Du bist also ein Opfer!”

 Sexueller, psychischer, emotionaler Missbrauch oder jedes andere Trauma können einen stärken – und schwächer machen zugleich.

Ein Sprichwort sagt: „Was uns nicht umbringt, macht uns härter.” Tja nun, nicht unbedingt. Von Menschen mit Traumaerfahrung wird erwartet, dass sie irgendwann die Erfahrung hinter sich lassen können. Wahlweise mit diesem Spruch oder Sätzen wie: “Das ist aber doch schon so lange her.”, “Du hast seitdem doch so viel geschafft!” oder “Es ist so stark von dir, darüber zu sprechen.”

Nein, Karen, es ist nicht lange her. Es ist jeden Tag in meinem Kopf. Und ja, Karen, ich spreche darüber, damit du weißt, dass es immer noch passiert, dass die Welt keine rosarote Zuckerwatte Wolke ist.

Natürlich kann ein Trauma einen zerbrechen, aber nicht jeder Traumeerfahrene zerbricht. Manche haben Kraft und Mut und versuchen, sich ihre Leben davon nicht kaputt machen zu lassen. Manche brauchen mehr Hilfe bei der Verarbeitung, manche weniger. 

Das ist in den Augen vieler Stark!

Aber dennoch werden wir gleichzeitig als Opfer bezeichnet, wir bekommen den Kopf gestreichelt, werden bemitleidet. Und das oft auf eine dermaßen schmerzhafte Art und Weise, dass das Trauma nicht ruhen kann. 

Jeder Traumaerfahrene entscheidet für sich, ob er “Opfer”, “Überlebender”, “Erfahrener” oder was auch immer ist. Jeder versucht, sein Leben so wenig wie nur möglich davon beeinflussen zu lassen. Und trotzdem kommt es in den dunklen Momenten, in den Momenten, wo wir nicht aufpassen dazu, dass wir es wieder erleben.

Und wenn man, wie ich, mehrfach die Erfahrung machen musste, dann kann das anstrengend sein. 

Bitte, versucht nicht, unser Verhalten zu werten. Behaltet es für euch, nickt, hört zu und fragt nach, wenn ihr Fragen habt. Aber erspart uns, in die Details zu gehen, die sind für uns schon schlimm genug! Die wollen dir die Meisten nicht erzählen! Würdest du vermutlich auch gar nicht verkraften…

“Du hast doch so viel Zeit!”

Ein Satz, den ich gerne so oder in außergewöhnlicher Tarnung höre. Die Tarnung besteht dann oft aus so Sätzen wie: “Du hast doch früher so oft gebacken, das hat dein Mann immer erzählt. Warum machst du das nicht mehr? Du gehst doch nur halbtags arbeiten.”

Ah! Danke, dass du mich daran erinnerst, dass ich unfähig und faul bin. Danke, dass du mich daran erinnerst, dass ich zu nichts fähig bin. 

Ist ja nicht so, als würde ich das nicht jeden Tag selber merken. 

Jetzt mal ehrlich, ich arbeite nicht aus Spaß an der Freude, nur sechs Stunden am Tag und das auf dem zweiten Arbeitsmarkt. Ich hatte in meinem Leben auch andere Pläne. Ich bin gelernte Speditionskauffrau und habe diesen Job geliebt. Bis darauf, dass er ultra stressig war. Dann hab ich auf Mediengestalter umgesattelt und hey, ich liebe meinen Beruf. Und ich bin froh, dass ich in eben jenem Job auch arbeiten kann. Aber meine Erkrankung kostet mich Zeit. Ein gesunder Mensch braucht nicht mehrere Stunden am Tag, um überhaupt mit sich selbst klarzukommen. Ich muss immer wieder überlegen, was ich fühle, muss in mich hineinhorchen, wie es mir geht, muss die Anspannung ausbalancieren – weil ich sonst irgendwann innerlich explodiere.

Mein Gehirn funktioniert anders als bei anderen Menschen. 

Ich würde diesen Menschen gerne erklären, was so viel Zeit bei mir in Anspruch nimmt. Aber das Traurige ist, sie verstehen es nicht. Oder sie wollen es nicht verstehen. Für sie sind Mechanismen, für die ich Zeit benötige, einfach normal. 

Also ja, ich bin faul, wenn ich dasitze und versuche, meine inneren Aggressionen auf ein lebensfähiges Minimum zu reduzieren. Wenn ich das nicht machen würde, dann würde ich gelegentlich einfach explodieren. Und vielleicht doch zum Mörder werden… 

Es gibt so viel mehr, was im Umgang mit psychisch Kranken, mit Menschen mit unsichtbarer Behinderung aufstößt, und was ich in diesem kleinen Wut-Artikel nicht zur Sprache gebracht habe. 

Ich rede von Vorurteilen, die nicht abgebaut werden möchten – obwohl es einfach wäre…

Von dem Unterschied zwischen “dumm” und “erschöpft”…

Vom Faul sein, wenn man einfach mal ne Pause macht…

Übrigens: Ich gehöre zu der Sorte Menschen, die keinem Menschen ein Trauma, eine psychische oder körperliche Erkrankung wünschen. Ich wünsche mir, dass mehr Menschen ohne Sorgen, Ängste oder generell negativen Erlebnissen aufwachsen können! Am liebsten alle! 

Aber: Hört uns einfach mal zu! Gebt uns eine Chance und versucht nicht, etwas besser zu wissen, von dem ihr keine Ahnung habt. 

Und? Kennt ihr was davon? Möchtet ihr auch manchmal aus der Haut fahren und eurem Gegenüber sagen, was ihr wirklich denkt? Welcher Satz, welche Reaktion bringt euch so richtig in Rage?


Photo by engin akyurt on Unsplash

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