Zweiter und erster Arbeitsmarkt - die Schwelle ist zu hoch für mich
Erfahrungen und Erlebnisse, Werkstatt für behinderte Menschen

Zweiter und erster Arbeitsmarkt – die Schwelle ist zu hoch für mich

Die Schwelle zum ersten Arbeitsmarkt ist für mich zu hoch, deswegen arbeite ich auf dem zweiten Arbeitsmarkt. Spätestens seit diesem Artikel sollte das bekannt sein. Doch ich habe lange genug auf dem Ersten gearbeitet, viel zu gerne würde ich auch dahin zurück kehren. Das beste Beispiel war mein letzter Versuch vor einigen Jahren, bevor ich mich entschied, in die Werkstatt zu gehen.

Dieses Erlebnis möchte ich heute erzählen, vielleicht liest es ja einer, der bei der nächsten Bewerbung an diesen Artikel denkt und vielleicht doch die Person mit dem chaotischen Lebenslauf einlädt. Einfach um mal zu sehen, ob es sich nicht doch lohnt.

Nach Klinikaufenthalt und einem Versuch in meinem alten Beruf als Disponentin, landete ich in einer Arbeitsmaßnahme und von dort in einer beruflichen Rehabilitation.

Die Rehabilitation

Ziel dieser Rehabilitation war es, sich in Praktika auf dem ersten Arbeitsmarkt umzusehen, zu schauen, ob man es schafft, vielleicht auch eine Stelle finden, Erfahrung zu sammeln.

Die Idee fand ich toll, denn ich wollte wirklich gerne als Mediengestalter auf dem ersten Arbeitsmarkt arbeiten. Ich wollte wieder so sehr ein Teil davon sein, dass ich hochmotiviert war.

Wie es dann dazu kam, dass sich innerhalb von nur drei Monaten diese Motivation in ein Nichts verwandelte, ist schon erschreckend.

Mein Plan war wunderbar durchdacht, hochmotiviert machte ich mich an die Arbeit eben jenen in die Tat umzusetzen. Ich überarbeitete meine Bewerbungsunterlagen, erstellte ein Portfolio mit den Dingen, die ich präsentieren konnte, erstellte eine wunderbare Excel Tabelle und recherchierte Agenturen und Designschmieden in Köln.

Und dann legte ich los, schickte Bewerbungen in die Welt, telefonierte mir die Finger wund, tippte eine Bewerbung nach der nächsten. . .

Die Bewerbungen

Mehrere Wochen, fast sechzig Bewerbungen verschickte ich.

Auf ein Praktikum.

Unbezahlt.

Als ausgebildeter Mediengestalter.

In einer Medienstadt.

Okey, ich habe dann wirklich lange nach dem Witz an der Sache gesucht und ihn nicht gefunden. Denn ich hatte kein einziges Vorstellungsgespräch. Null!

Die Absagegründe waren durchweg die Selben: zu wenig Erfahrung, nur studentische Jahrespraktika, nicht studiert, generell keine Praktikanten.

In einer Absage hieß es sogar, ich wäre zu alt für ein Praktikum.

Hallo Selbstwert!

Mit eh schon einem sehr instabilem Selbstwertgefühl ausgestattet, hat sich eben dieses mit jeder weiteren Absage mehr und mehr verabschiedet. Irgendwie auch verständlich. Ich weiß bis heute nicht, ob die Absagen so der Wahrheit entsprachen. Aber wenn ich mir die Anzahl der Betriebe ansehe, die schon auf ihren Homepages zu lesen geben, dass man keine Praktikanten nimmt, dann kann ich mir das alles sehr gut vorstellen.

Da stand ich also, Jahrgangsbeste meiner Umschulung, hochmotiviert, gewillt mir den Arsch aufzureißen, kreativ zu arbeiten, zu lernen, mich weiterzuentwickeln – und keiner wollte mir eine Chance geben.

Bereits während der Bewerbungen bin ich offen damit umgegangen, dass ich krank und behindert bin. Ich hatte die wahnwitzige Idee, dass das für viele nichts ausmachen würde. Denn ich wollte meine Lücken im Lebenslauf nicht mit fadenscheinigen Lügen erklären, ich wollte ehrlich sein.

Und so lernte ich auf die harte Tour, dass es die Leute nicht interessiert, wer hinter dem Lebenslauf steckt, wenn er nicht perfekt ist.

Keiner wollte mich kennen lernen, und das hat mich richtig gefrustet. Denn auf dem Papier oder wahlweise einer Email kann man ein paar ziemlich wichtige Dinge nicht transportieren: Enthusiasmus, positive Einstellung, Lebens- und Arbeitslust.

Mir wird immer wieder gesagt, ich könnte gut reden, mich gut artikulieren und mich gut verkaufen. Ja, aber nicht auf dem Papier. Ich scheitere an den formellen Formulierungen. Ich kann die Menschen von mir überzeugen, wenn sie vor mir sitzen.

Ausweg zweiter Arbeitsmarkt

Tja, ich wurde also von keiner einzigen Firma eingeladen, wurde immer deprimierter und landete schlussendlich auf dem zweiten Arbeitsmarkt. Heute bin ich froh und glücklich darüber. Denn ich kann mir keine andere Agentur als unsere wundervolle Designschmiede mehr vorstellen.

Und doch, ich bin immer noch traurig darüber, dass keiner hinter die Lücken im Lebenslauf, die Erkrankung schauen wollte, um vielleicht doch den Menschen kennen zu lernen.

Durch diese Geschichte habe ich leider erfahren müssen, dass wir Menschen immer wieder auf Fakten und Leistung reduziert werden. Und das macht nicht nur erkrankte Menschen auf lange Sicht unglücklich.

Ich hatte großes Glück, die Alexianer gaben mir Möglichkeit und Raum, mich zu entfalten, meiner Arbeit nachzugehen und Teil eines Teams zu sein. Nicht jeder hat dieses Glück. Viel zu schnell wird eine Bewerbung auf Seite gelegt, weil es Lücken im Lebenslauf gibt, weil der Bewerber eine Behinderung hat, weil er nicht perfekt ist.

Bist du perfekt?

Was perfekt ist, bestimmt die Gesellschaft und leider geht es gerade in der Berufswelt immer nach perfekter Leistung. Ausrutscher, schlechte Tage, Erkrankungen sind da selten möglich. Erlebt habe ich auch das, bei mir selber, bei Familienangehörigen und bei Freunden.

Wenn Arbeit krank macht, ist es dann noch die richtige Arbeit? Wenn mein Leben unter der Arbeit leidet, dann muss ich etwas ändern. Doch die Anzahl derer, die auf dem ersten Arbeitsmarkt nicht mehr zurecht kommen, nimmt immer mehr zu. Und da stellt sich mir die Frage: was stimmt nicht? Sind es wirklich immer die Menschen, die unfähig sind, die nicht leistungsfähig sind? Oder wird auf dem ersten Arbeitsmarkt immer mehr und mehr erwartet? Für weniger Geld in kürzerer Zeit?

Ich bin richtig!

Ich habe über die Jahre gelernt, so wie ich bin, bin ich richtig. Ich bin nicht perfekt, kann und will ich auch nicht sein. Aber ich bin gut. Und irgendwie tun die Agenturen und Firmen, die sich nie auf meine Bewerbung gemeldet haben oder die mir sofort abgesagt haben sogar Leid – denn sie haben mir keine Chance gegeben. Ich hätte eine Bereicherung sein können, dessen bin ich mir sicher.

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Sternenruferin

Marie-Louise, Arbeitet mit psychischer Erkrankung in einer Werkstatt für behinderte Menschen, Mediengstalter, Peer Berater, Borderline und Spaß am Leben. Musik, Bücher und Schreiben vervollständigen den Haushalt mit Mann, zwei Katzen und zwei Schlangen.

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